Freitag, 18. November 2016

Yazd, die Stadt der Zoroastrier (2.10.-5.10.)

Kurzer Nachtrag: Hotel Ali Baba hatte auch nichts mehr frei und ich werde zum nächsten Hotel gebracht. Das Zimmer ist gegen das, was ich jetzt habe die reinste Bruchbude, ein Bett, ein super lautes Aircondition-Standgerät, Gemeinschaftsdusche und Clo und das für nochmal 5€ mehr. Außerdem war mein Frühstücksbuffet heute morgen viel besser, als das, was ich hier sehe. Nein, danke. Vor allem habe ich vorher bei einem Gespräch zwischen einem iranischen Gast und dem Besitzer mitbekommen, dass die für mein Zimmer nur 18€ verlangen und ich soll jetzt 30€ zahlen, wirklich nicht. Ich sage ihm, dass das viel zu teuer ist und ich im anderen Hotel nur 25€ zahle. Damit wäre er jetzt auch einverstanden, aber ich erkläre ihm, dass ich da viel mehr Luxus für denselben Betrag habe. Ich weiß nicht, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass er das nicht versteht. Er fragt mich dann, was ich zahlen würde. Aber selbst für die €18 habe ich jetzt keine Lust mehr hier zu bleiben, weil es mir auch von der Stimmung her nicht gut gefällt. Wie gesagt, die Besitzer und der Gesamteindruck sind mir sehr wichtig und so bleibe ich also im Soraye Kohan Hotel. 

Die Provinz Yazd hat sich 1969 von Esfahan getrennt und ist seitdem eine eigenständige Provinz. Hier gibt es in der Umgebung Blei- und Zinklagerstätten sowie Kupfer- und Eisenerzvorkommen und Steinkohlegruben. Außerdem gehört Yazd zu einer Reihe sehr alter Städte, die am südlichen und westlichen Rand der Dasht-e Kavir aufgereiht sind. Sind sie doch die Hauptverkehrsachse zum indischen Subkontinent und hatten schon zur Achämenidenzeit große Bedeutung als Heerstraße. 
Yazd hat heute 350.000 Einwohner und liegt 1200 Meter hoch am Fuße des Shir-Kuh (Kuh = Berg) Massivs, das 4050 Meter hoch ist. Dadurch hatte die Stadt schon immer sehr viel Wasser, das durch ein unterirdisches Kanalsystem (Qanaten) die Felder bewässert. 

Yazd ist das Zentrum der Zoroastrier, einer Vorläuferreligion des Islam, die bereits seit dem 10. Jahrhundert vor Christus besteht. Es gibt in dieser Religion einen Gott, Ahura Mazda genannt und auch einen gleich mächtigen bösen Geist namens Angra Mainyu. Grundsatz der Religion ist "Guter Gedanke, gute Taten, gute Rede". Wer danach lebt geht am Ende über eine Brücke ins Paradies, überwiegen die schlechten Taten wird die Brücke schmal wie ein Messer und man stürzt in die Hölle.
Wichtigstes Element im Zoroastrismus ist das Feuer, das sich im Heiligtum in Yazd befindet. Aber auch die anderen Naturelemente wie Erde und Wasser werden verehrt. Daher wurden früher die Toten nicht in der Erde bestattet, sondern auf hohe Türme, die Türmen des Schweigens gebracht, wo das Fleisch der Verstorbenen von den Geiern gefressen wurde und so die Erde nicht verunreinigen konnte. Seit einiger Zeit ist dies jedoch aus hygienischen Gründen nicht mehr erlaubt. Die Toten werden heute auf Friedhöfen bestattet, allerdings wird der Boden mit Zementplatten ausgelegt und auch eine Platte darübergelegt, so dass damit zumindest symbolisch den religiösen Geboten Rechnung getragen wird. 

Yazd ist außerdem berühmt für seine Seiden- und Textilproduktion. Von der Seidenproduktion berichtete schon Marco Polo. Yazd hat einige Herrscher kommen und gehen gesehen. Zunächst waren es die Sasaniden, bevor Yazd 642 n. Chr. von islamischen Truppen eingenommen wurde. Danach kamen die Mongolen und im 14. Jahrhundert die Mozaffariden, die einige der heute noch bestehenden Bauwerke errichteten. Unter den Safaviden blühte der Fernhandel und Yazd profitierte durch seine Lage am Handelsweg. Als die Afghanen die Stadt einnahmen, verfiel Yazd immer mehr, noch dazu raffte eine Cholera-Epidemie im 19. Jahrhundert 8000 Einwohner hinweg. Erst seit dem Ausbau der Fernstraße zum persischen Golf (auf der heute Millionen LKW unterwegs sind) und dem Anschluss an das Eisenbahnnetz hat die Stadt einen neuen Aufschwung genommen. Yazd hat außerdem eine große Universität. 
Nun genug der geschichtlichen Hintergründe, auf geht´s zur Besichtigungstour!

Die Altstadt von Yazd ist ca. 3 qkm groß und besteht komplett aus Lehmhäusern, daher wurde sie auch von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Überall kann man durch die engen Gassen streifen, teils überdacht, dann hat man wieder einen Blick auf die schönen Badgirs (Windtürme), für die Yazd ebenfalls berühmt ist. 

Zuerst laufe ich zur Masdjed-e Jome (Freitagsmoschee), in der gerade, ein Tag vor Muharram, dem Trauermonat, schon die ersten Gebete stattfinden. Es gibt Tee und Gebäck, natürlich werden auch Touristen bedient. Ich warte ab, bis die Gebete zu Ende sind, damit ich mir auch den ganz besonderen Mihrab (Gebetsnische, ähnlich unserem Altar) anschauen kann. Die Moschee wurde um 1375 errichtet und seine Fliesendekorationen in den verschiedensten Blautönen zählen zum Schönsten, was die persische Kunst des 14. Jahrhunderts hinterlassen hat. Auch die Kuppel ist etwas ganz Besonderes, was man aber nur von einem der umliegenden Häuser erkennen kann, da sie vom Hof aus nicht zu sehen ist. 

Dann streife ich stundenlang durch die Altstadtgassen, bis mich gegen frühen Nachmittag der Freund von Reza anruft und mir Bescheid gibt, dass er mich im Hotel in Kürze treffen wird. Er kommt dort mit seinem Sohn hin und wir unterhalten uns bei Tee über meine Planung, denn Reza hat ihm wohl gesagt, er soll mich unterstützen, bei was allem ich brauchen könnte. Offenbar hat er im Silk Road Hotel sogar ein Zimmer für mich reserviert, das wir aber jetzt wieder stornieren müssen. Leider wusste ich davon ja auch nichts und da ich jetzt früher als erwartet hier bin, habe ich mich halt selbst um ein Hotel gekümmert. Wir machen aus, dass er mich morgen im Hotel abholt und wir bei ihm zuhause Mittag essen. 
Hier macht es auch wieder Spaß durch die Gassen zu streifen, nur an den Sehenswürdigkeiten trifft man auf die Touristenmengen, die aus dem Bus ausgeladen werden. Ich treffe hier auch wieder ein paar der Leute aus dem Tak Taku Guesthouse. 

Abends gehe ich in das Orienthotel zum Abendessen. Dort gibt es eine tolle Dachterrasse mit Ausblick auf die Dächer und Moscheen. Das Essen schmeckt auch sehr gut, daher werde ich sicherlich noch einmal wiederkommen. 

Sehr schön ist auch das Wasser-Museum in Yazd, wo man sehr anschaulich erklärt bekommt, wie das System der Qanaten funktioniert. Das sind kilometerlange unterirdische Kanäle, die das Wasser von den Bergen in die Städte und Gärten führt. Da diese natürlich auch immer wieder von Geröll und Schlamm verstopft werden, gibt es Menschen, die sich in diese Qanaten durch senkrechte Bohrlöcher an einem Seil herunterlassen und den Schlamm und Kies nach oben befördern. Da die Gänge teilweise nur 60 cm breit sind und auch immer mal einstürzen können, ist das eine sehr gefährliche Arbeit. Die Arbeiter genießen daher große Anerkennung bei der Bevölkerung. 

Das Wasser wurde zu einem bestimmten Prozentteil in die Städte geleitet, wo es sogenannte Wasserentnahme-Qanate gab, ein anderer Prozentteil wurde in die Gärten geleitet um der Wüste soviel abzuringen, was die Menschen zum Überleben brauchten. Teilweise wurde das Wasser in den untersten Stockwerken der Häuser hindurchgeleitet. Dort wurde dann das Essen aufbewahrt, da es hier auch in den heißen Sommermonaten angenehm kühl war. Sogar Eishäuser hat man aus Lehm gebaut, die so konstruiert waren, dass das Eis aus den Bergen den Sommer überdauern konnte. So etwas gibt es in Yazd leider nicht zu besichtigen, aber vielleicht komme ich ja noch bei so einem Gebäude vorbei. 
Mit Ramin Nasrabadi, dem Freund von Reza aus Esfahan, fahre ich am nächsten Tag zu seiner Familie, wo wir zu Mittag essen und ich den Nachmittag dort verbringe. 

Er organisiert mir das Bahnticket und zahlt es auch noch. Ich wehre mich wieder, aber bis ich schauen kann, ist die Kreditkarte schon in die Maschine gesteckt und es gibt keine Widerrede. Er wird mir bis zu meiner Abfahrt nach Kerman mit allem helfen. Da der Zug am Freitag früh um 3 Uhr geht, habe ich die Möglichkeit evtl. im Hotel zu bleiben oder falls sie das Zimmer brauchen, kann ich auch bei seiner Familie solange bleiben. Das Rad müssen wir wohl schon früher zum Bahnhof bringen, weil es in einem Gepäckwaggon mitkommt. Bin gespannt, wie das alles ablaufen wird.

In Kerman ist von Reza auch schon alles organisiert worden, ich soll nur noch sagen, in welches Hotel ich will, dann wird er es für mich reservieren. Er hat wohl auch schon jemanden angeheuert, der mich nach Bam fährt. Es ist einfach unglaublich und mittlerweile versuche ich mich schon fast gar nicht mehr zu wehren. Ich bin unglaublich dankbar für die ganze Hilfsbereitschaft, erleichtert es mir das Reisen doch ungemein. Klar, könnte ich das auch alles selbst machen, aber es wäre halt umständlicher und würde länger dauern.

Mein Visum habe ich heute allerdings ganz selbständig verlängert, ohne dass mir jemand geholfen hätte. Bin mit dem Rad ohne Beladung zur Touristenpolizei 7 km aus der Stadt rausgefahren. Beinahe wäre ich direkt vom Rad gestürzt, weil es so leicht war ohne Gepäck, das war ich gar nicht mehr gewohnt. Auf der Polizeistation muss ich diesmal zum Glück keinen Tschador überwerfen und darf einfach so rein. Hier geht es zu wie verrückt. Hunderte von Afghanen stehen an den Schaltern an, wedeln mit Formularen und Pässen rum und ich habe natürlich keine Ahnung, wo ich hin muss. Sofort kommt ein Beamter, der mich zum Chef schickt. Vorbei an den wartenden Afghanen werde ich ins Büro geführt, darf mich hinsetzen und werde mal wieder sehr zuvorkommend behandelt. Leider ist es nicht sehr schön, wie hier mit den Afghanen umgesprungen wird. Sie werden fast alle abgewimmelt und angeschrien und immer wieder ruft der Chef raus: "Farda, Farda" - kommt morgen wieder! Ich komme mir schon ziemlich blöd vor, weil die natürlich durch die Glasschalter sehen, wie kurz darauf der Chef wieder mit mir lacht und sich über BMW und die Preise der Autos erkundigt. Warum ich denn jetzt schon mein Visum verlängern will, es ist doch noch 14 Tage gültig? Wieder mal erzähle ich meine Geschichte vom Fahrrad, schönem Land, langsamem Vorankommen etc. pp. Wann ich denn das Land verlassen werde? Ich sage ihm, dass ich am 16.11. mit der Fähre nach Dubai will. Diesmal brauche ich 2 Passfotos, Kopie des Visums, Kopie der Pass-Seite und muss 400.000 Rial (10 €) bei der Melli Bank ein paar Straßen weiter, einzahlen. Nach 2 Stunden habe ich meinen Pass wieder in Händen und stelle fest, dass die Jungs wohl einen Fehler gemacht haben, denn statt 24.11. habe ich das Visum nun genau bis Weihnachten 2016 bekommen, also hatte ich jetzt 4 Monate Visum.

Als ich mit dem Rad zurückfahre, verfolgt mich wieder mal einer und zwar diesmal auf einem Moped. Eigentlich könnte es mir ja wurscht sein, habe ja nichts zu verbergen. Aber irgendwie nervt es mich trotzdem. Ich halte am Feuertempel an, er auch. Kaum angehalten, hält ein Touristenbus mit Deutschen neben mir, die sich den Feuertempel anschauen wollen. Aber der Feuertempel ist jetzt erst mal zweitrangig geworden, denn jetzt bin ich für die Deutschen DIE Attraktion des Tages und werde mit Fragen gelöchert. Die Warterei wird dem Typen wohl zu blöd, denn er fährt weiter. Wahrscheinlich denkt er, dass ich auch in den Feuertempel rein will. Aber das wollte Ramin ja mit mir machen, deshalb verabschiede ich mich wieder von der Reisegruppe, deren Guide auch schon ungeduldig wird und radle zum Hotel zurück. 

Heute will ich mir noch ein Unesco-Welterbe anschauen, nämlich den Dolat Abad-Garten mit dem höchsten Windturm weit und breit. Wieder einmal frage ich mich, warum das ein Unesco-Welterbe ist. Der Garten ist nicht wirklich so besonders und vor allem ist der Zugang zu dem eigentlichen paradiesischen Garten nicht für die Öffentlichkeit. Den kann man nur durch die verschlossenen Tore sehen. Wirklich toll und beeindruckend ist der Windturm. Wenn man sich im drunterliegenden Gebäude unter die Öffnungen stellt, ist es wirklich angenehm kühl durch die Luft die von oben nach unten geleitet wird. Meistens sind unter den Windtürmen auch noch Wasserbecken, so dass es noch kühler wird. 

Eigentlich will ich mir nachmittags noch einen Grabbau anschauen, aber der ist leider außen und innen im Gerüst und wird renoviert, so dass nicht wirklich viel zu sehen ist. Also lege ich einen Faulenzer-Tag ein und sitze im Schatten neben dem plätschernden Brunnen in meinem Hotel, lese und schreibe Tagebuch. Auf dem Dach eines Restaurants genieße ich zum Sonnenuntergang einen Cay Darshin (Tee mit Zimt) und lausche den Gebeten der Muezzins. 

Abends gehe ich dann nochmal in das Hotel Oriental zum Abendessen. Auf dem Weg dorthin treffe ich den jungen Türken wieder. Wir gehen erstmal einen super leckeren Cappuccino trinken, denn er hat vor ein paar Tagen ein wirklich gutes Café ausfindig gemacht. Weder den Kaffee noch das Abendessen nachher im Oriental Hotel muss er zahlen, was mich schon etwas wundert. Da er mir schon die ganze Zeit irgendwelche Stories vom Kiffen erzählt hat, bin ich mir nicht sicher, was hier genau zwischen ihm und den Iranern abläuft, denn zum Abschied im Hotel Oriental sagt er dem Wirt: "I will come back tomorrow with a surprise for you". Aber so blöd kann er wohl nicht sein, dass er in einem Land wie Iran mit Hasch dealt. Wie auch immer, ich frage lieber nicht nach. Vielleicht dachte er, dass ich eine potenzielle Kundin sein könnte, keine Ahnung. Aber irgendwie wundert es mich schon, dass er (vielleicht 25 Jahre alt) mit mir alter Tante den Abend verbringt :-)

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