Freitag, 18. November 2016

Sex mit Ali im Führerhaus? (30.9.-1.10.)

Was würdet ihr tun, wenn ihr die Wahl hättet :
Nach 110 km Radfahren, verschwitzt und stinkend mit Ali im LKW-Führerhaus poppen, oder lieber frisch geduscht in einem schönen Guesthouse lecker essen?
Ich habe mich für das Guesthouse entschieden und das nicht nur, weil Ali total verfaulte Zähne hat 😂

Die Straße von Esfahan, die ich mir für die ersten 90 km rausgesucht habe, hat wenig Verkehr,  eine schöne Moschee, anstrengend ist es trotzdem. Als ich dann auf die Hauptstraße nach Nain biege, LKW ohne Ende, leichte Steigung und kein Seitenstreifen, auf dem man radeln kann. Nach den 90 km fast ohne Essen, bin ich eh schon bedient.  Bis Nain schaffe ich das heute nicht mehr.

Ein Lkw-Fahrer hält mir eine Flasche eiskaltes Wasser entgegen. Ich freue mich sehr darüber und trinke erst mal was geht. Als er will, dass ich auf die andere Seite des Trucks gehe (quasi auf die von der Straße abgewandte Seite) kommt mir das schon komisch vor. Nein, da ist mir zuviel Sonne.  Als er dann auch noch meine Hand am Lenker anfasst , was normalerweise kein Iraner machen würde, drücke ich ihm die Flasche Wasser in die Hand und will weiterfahren.  Er meint, er wäre Ali und ob ich jetzt nicht Sex mit ihm in seinem Führerhaus haben möchte?  Na, wirklich nicht!!! Ich lasse ihn stehen und radle weiter. Was zum Teufel denkt er eigentlich? Würde mich mal wirklich interessieren, was in seinem Kopf vorgeht. Selbst wenn ich Single wäre und Bock hätte auf ein Abenteuer mit einem Iraner,  wäre er wohl der Allerletzten,  den ich nehmen würde, noch dazu bin ich total fertig, schwitze wie ein Schwein und nichts liegt mir ferner, als jetzt mit Ali zu poppen.

Eigentlich wollte ich ja zelten,  aber Ali fährt mit seinem Truck an mir vorbei,  hält wieder und streckt mir was zum Essen hin. Spinnt der? Nicht mal wenn ich am verhungern wäre,  würde ich irgendwas von ihm annehmen.  Ich würdige ihn keines Blickes und radle an ihm vorbei. Er überholt mich wieder und hält weiter vorne. Jetzt habe ich die Schnauze voll und biege rechts in einen Ort ab. Frage dort, ob es hier eine Mosaferkhane (einfaches Gasthaus)  gibt. Ja, ein Stück die Straße hoch wäre das Tak Taku Guesthouse.  Ein Motorradfahrer mit seiner Frau fährt voraus und bringt mich hin. Den sex-geilen Ali bin ich los. 

Das Guesthouse entpuppt sich dann als eine wunderschöne Oase in einem kleinen Ort. Mit Innenhof und Brunnen, gemütlichen Teppichecken rundherum, genau das richtige jetzt. Leider sind sie komplett ausgebucht. Aber der Besitzer bietet mir an, in einem extra Raum auf Teppichen zu schlafen. Wunderbar, meine Isomatte und Schlafsack raus. Dusche gibt es natürlich auch. Das kann ja nicht viel kosten. 

Beim Tee unterhalte ich mich mit 2 Belgiern,  die mir erzählen,  dass ein Radfahrer auf der Strecke Kashan - Esfahan mit der Pistole am Kopf ausgeraubt wurde. Krass, die Strecke bin ich auch gefahren, allerdings weiß ich nicht, ob er auch die Nebenstrecke durch die Berge genommen hat oder die Hauptstraße gefahren ist. Wie auch immer, Schwein muss der Mensch haben und das hatte ich wohl.

Ihr werdet es nicht glauben, aber wenig später krame ich aus meinen Taschen meine Fleece-Jacke raus. Es wird jetzt nachts richtig kalt, 9 Grad laut meinem Smartphone.

Zum Abendessen sitzen wir dann alle gemeinsam am Boden, es gibt Eintopf mit Kamelfleisch, was wirklich lecker schmeckt. Allerdings glaube ich, dass die Fleischbällchen aus Lamm sind, es sind aber noch andere Fleischstücke in der total leckeren Sauce mit Kartoffeln und Kichererbsen drin, das wird dann wohl das Kamel gewesen sein. In die Schüssel mit dem Eintopf wird das knusprige Fladenbrot reingebröselt, ein bisschen warten, bis sich das Brot vollsaugt und dann auslöffeln. Dazu gibt es natürlich auch noch reichlich weiches Barbari-Fladenbrot, so dass man hungrig nicht aufsteht. 

Ich gehe gleich nach dem Essen schlafen, bin wirklich fertig heute. Habe auch jetzt schon Muskelkater in den Oberschenkeln, hätte wohl doch in Esfahan nicht solange pausieren sollen, dafür geht es meinem Hintern dank Hirschtalg ganz gut. 

Am nächsten Morgen gibt es leider erst um 8.30 Uhr Frühstück, deswegen komme ich erst um 9.30 Uhr los. Das Zimmer, in dem ich geschlafen habe, kostet nichts, für das Essen stellt der Besitzer mir frei, was ich zahlen will. Ich gebe ihm 200.000 Rial (= 5 €), das ist ungefähr das, was man so für Frühstück und Abendessen normalerweise zahlt. Außerdem schenke ich ihm einen BMW-Stift und einen BMW-USB-Stick. Ich muss meine Gastgeschenke jetzt endlich loswerden, ich schleppe immer noch viel zu viel Zeug mit mir rum. 

15 km bergauf und die Steigung ist nicht so schlimm, aber ich habe Gegenwind bzw. das ginge ja noch, nein, ich habe Seitenwind von links. Das Ganze ohne Seitenstreifen, tausende von LKW und ihr wisst ja vielleicht aus Erfahrung, was passiert, wenn der Wind stark von links kommt und dann fährt links ein LKW an Dir vorbei: genau, da man nach links gelenkt hat, um gegen den Wind zu lenken, fährt man jetzt noch mehr nach links, wenn der Wind plötzlich weg ist. So lande ich 2x fast unter einem Laster, der nachfolgt. Ich könnte kotzen über diese Strecke und bin nur noch am Fluchen. Was für eine bescheuerte Idee, mit dem Rad durch den Iran fahren zu wollen. Wahnsinn, und dann die Huperei die ganze Zeit, das geht mir gerade so auf den Geist! Für´s Zurückwinken fehlt mir heute leider auch der dritte Arm. Ich bin gottfroh, als ich endlich an der höchsten Stelle auf 2400 Metern ankomme und es jetzt nur noch bergab geht. Aber diesen Downhill kann man echt vergessen, weil ich durch den Gegenwind dauernd treten muss. Der Wind kommt aus Nordosten, also habe ich die Hoffnung, dass ab Nain, wo es dann ja nach Osten geht, der Wind mehr von hinten kommt. Ich probiere das dann kurz auf dem Highway Richtung Yazd aus, aber das geht gar nicht, der Wind ist einfach zu stark. So schaffe ich heute keine 100 km mehr. Also drehe ich wieder um und fahre nach Nain rein. 

Erst mal kaufe ich mir Wasser, Dough und ein paar kleine Gebäckteile für die Busfahrt. Ein netter Einwohner fragt mich, ob er mir helfen kann und ich frage ihn gleich nach dem Busterminal. Der ist gleich um die Ecke, also radle ich dorthin. Aber von dem Busbahnhof gehen nur Busse nach Teheran oder Esfahan, der Bus nach Yazd fährt auf der Ausfallstraße nach Yazd los, bzw. kommt dort vorbei. Ich fahre also dorthin. Ein weiterer netter Mensch sagt mir, dass ich zur Straßenpolizei, ca. 5 km Richtung Highway muss. Dort steht schon eine Familie, die ihre Tochter nach Yazd verabschiedet, aber leider ist der Bus schon voll, die haben wohl alle reserviert. Der Vater der Familie erklärt mir, dass nochmal 6 km weiter, bei der nächsten Straßenpolizei auch Busse vorbeikommen. Also radle ich dorthin und siehe da, da steht der Mann, der mir das vorher auch erzählt hatte. Scheinbar will er auch nach Yazd. Der erste Bus kommt, aber der fährt nicht nach Yazd. Ich hoffe nur, dass der Bus nach Yazd noch einen Platz frei hat, weil es jetzt schon 15 Uhr ist und ich komme so in überhaupt keinen Ort mehr und muss wieder neben dem Highway nächtigen. Aber ich habe Glück und komme mit. Als ich eine Stunde später mal wieder aus dem Fenster schaue, bin ich sowas von froh, dass ich mich für den Bus entschieden habe. Draußen ist dermaßen starker Wind aus Norden, also aus der Dasht-e Kavir, dass der ganze Sand durch die Gegend geblasen wird. Das wäre der Horror gewesen, da zu biken. 

Leider kommt das auf dem Foto überhaupt nicht gut rüber. Man sieht keinen Horizont und auch keine Sonne mehr und ich sehe an den Büschen, die am Mittelstreifen gepflanzt sind, wie stark der Wind ist, unglaublich! Da wäre ich echt in der Pampa verendet. Zum Glück habe ich mich nicht entschieden in die Wüste zu fahren, das wäre genau gegen den Wind und in den Sandsturm gewesen. Da muss ich im Nachhinein Reza noch danken, der mich an seinen Freund verwiesen hat, denn ohne den Druck, gleich nach Yazd zu fahren, wäre ich sicherlich in die Wüste geradelt. Ich habe halt doch mehrere Schutzengel :-) und es ist schon interessant zu sehen, was das Schicksal so für einen vorgesehen hat. Oft denke ich mir, fahre ich jetzt zu dieser und jener Tankstelle oder zu diesem und jenem Laden. Manchmal passiert aus genau dieser Entscheidung was ganz tolles, manchmal passiert gar nichts, aber ich denke oft vorher schon, mal sehen, was das jetzt wieder auslöst. 

Irgendwo an der Ausfallstraße nach Yazd schmeißt mich der Bus dann raus. Der Auslader meines Fahrrads zeigt mir noch die Richtung in die ich fahren muss und schon sind sie weg. Da stehe ich jetzt also und ohne meine Karten-App wäre ich wirklich verloren, wüsste weder wo ich bin, noch wo ich hin muss. 10 km außerhalb wurde ich ausgesetzt und jetzt radle ich zum Hotel Silk Road, das in meinem Buch so toll beschrieben ist. Toll ist es auch mit einem schönen Innenhof, um den die Zimmer angeordnet sind. Leider sind sie total ausgebucht. Ich soll im Hotel Orient nachfragen, aber auch dort Fehlanzeige. Aber die Dame an der Rezeption telefoniert für mich rum und findet mir das Hotel Ali Baba, das ab morgen für 3 Nächte noch Zimmer frei hat und reserviert dort für mich. Ein anderer Tourist, der mitbekommen hat, dass ich noch kein Zimmer habe, bietet sich an, mich zu begleiten und nach einem Hotel zu fragen. Er ist Türke und will 2 Monate in Yazd bleiben. Wir klappern also ein paar Hotels ab und in einem davon, wird auch wieder telefoniert und ich werde von einem anderen Mann zu dem Hotel Sarayye Kohan Traditional House gebracht. Der Türke hat sich mittlerweile wieder verabschiedet und mir gesagt, wenn ich bei irgendwas Hilfe brauche, er wäre im Silk Road Hotel zu finden. Das Hotel ist auch recht nett, aber nachdem die Dame vom Orient schon für mich im Ali Baba reserviert hat, bleibe ich hier nur eine Nacht. Billig ist hier gar nichts. Die Nacht kostet 25€, inkl. Kühlschrank, Ventilator, sehr großes Bad mit Dusche, Plumpsclo und West-Toilette, Toilettenpapier (auch nicht immer automatisch dabei), Frühstück, Fernseher und 2 einzelstehenden Betten. Sieht alles recht sauber aus, wunderbar. 

Im Hotel Orient gehe ich dann noch Abendessen. Ich esse einen Eintopf mit Fleisch, Kichererbsen, Tomatensauce, Kartoffeln und Aubergine. Super lecker, dazu einen riesen Teller Reis mit Joghurt und Fladenbrot, soviel, dass man davon schon satt werden könnte. Mein neues Lieblingsgetränk ab sofort ist frisch gepresster Granatapfel-Saft. Sowas von genial, da könnte ich einen Liter in einem Zug runterschütten. Yazd ist bekannt für seine besonders guten Granatäpfel. 
So ist also alles nochmal gut gegangen, nachdem die letzten beiden Tage ja nicht wirklich so toll waren und ich freue mich, morgen mit der Erkundung von Yazd loszulegen. Natürlich erst, wenn ich ins Ali Baba umgezogen bin, von dem ich noch nicht so genau weiß, wo es überhaupt ist. Aber lieb wie hier alle sind, wird mir ein netter Mensch den Weg schon zeigen. 

Und wie immer, wird alles gut ausgehen, außerdem habe ich ja noch den Kontakt von Reza, den ich morgen anrufen werde. Er wird mir die Zugfahrt nach Kerman organisieren und vielleicht weiß er auch, wo ich hier mein Visum nochmal verlängern kann. 

Im übrigen glaube ich mittlerweile, dass der sexgeile Ali gar kein Iraner war. Erstens hat er überhaupt kein persisch mit mir geredet und zweitens hatte er noch ein Nummernschild mit normalen Zahlen und Buchstaben unter dem iranischen Nummernschild. Ich glaube, dass es ein Türke war, was natürlich überhaupt nicht heißen soll, dass die Türken alle solche Typen sind. Aber das ist mir im Nachhinein noch eingefallen, weil mir das alles irgendwie so gar nicht persisch vorkam ;-)

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