Freitag, 18. November 2016

Im Güterwaggon nach Kerman (6.10.)

Natürlich fahre nicht ich mit dem Güterwaggon nach Kerman, sondern mein Rad wird getrennt von mir dorthin gebracht. 
Die Aktion mit der Bahnfahrt und der Radverladung artet schon zu einem ziemlichen Großprojekt aus. Ramin kommt später noch ins Hotel, wir trinken Tee zusammen und er erklärt mir, wie das morgen alles ablaufen wird. Mein Rad wird zum Bahnhof gebracht und kommt in einen Güterzug. Scheinbar gibt es das hier nicht, dass der Zug einen Gepäckwagen hat, wo man das Fahrrad reinstellen kann. Ich fahre mit dem normalen Zug und das Rad kommt - inshallah! - einen Tag später dort an. 

Am nächsten Tag packe ich meine Sachen soweit zusammen, dass ich 3 der Radtaschen am Bahnhof mit dem Rad abgebe und den Rest nehme ich in den Zug mit rein. (Rucksack, Lenkertasche und eine kleine der vorderen Radtaschen). 

Vormittags fahre ich mit Ramin zum Bahnhof und wir geben das Rad dort ab, außerdem werden die Radtaschen in einen großen Sack gesteckt, der gut verschnürt zu dem Rad kommt. Ich bin ja wirklich gespannt, ob das dann wirklich am Freitag ankommt. Immerhin bekomme ich einen Einlieferschein und habe das ganze Zeug mit 1 Millionen Tuman versichern lassen, das sind ungefähr 250€. Jedenfalls werde ich die Gebühr von 10€ erst zahlen, wenn ich das Rad in Kerman in Empfang nehme. Das Rad kostet auch das Doppelte von meinem Zugticket. Wahnsinn, mit dem Bus wäre das viel günstiger gekommen. Na ja, immerhin habe ich diese Erfahrung jetzt auch gemacht und werde in Zukunft, wenn es nochmal nötig ist, definitiv nur noch Bus fahren. 

Mit Reza telefoniere ich auch nochmal, O-Ton: "Wir werden alles für Dich tun, damit Dein Aufenthalt sehr schön für Dich wird. Wenn Du in Kerman bist, wird sich unsere Filialleiterin Fr. Shirin Mir Hosseini um Dich kümmern, das Hotel ist schon reserviert und die Fahrt nach Bam haben wir für Dich auch schon organisiert. Geht es Dir gut? Ist alles in Ordnung? Hast Du noch genügend Geld? Wenn Du in Shiraz bist, da kenne ich auch Leute, die sich um Dich kümmern. Sag einfach, was Du brauchst und wir organisieren das für Dich!"

Noch Fragen? Ich habe keine mehr und bin einfach nur sprachlos. Es ist einfach alles unglaublich und manchmal denke ich, dass ich das alles nur träume, aber dann wache ich auf und denke, Wahnsinn, das passiert hier alles wirklich!

Nachmittags gehe ich mit Ramin zu einer Zurkhaneh (=Krafthaus). Das ist eine traditionelle, bereits seit vorislamischer Zeit bestehende iranische Kraftsportart, bestehend aus Tanz, gymnastischen Übungen, Drehungen und dem Schwingen und Jonglieren von bis zu 40 kg schweren Holzkeulen, Stemmen und Schwingen von schweren Eisengewichten, Stemmen von bis zu 120 kg schweren Metallschilden, sowie Ringkampf. Hier gibt es auch einen sogenannten Morshed, der die Sportler mit Gesang (meistens religiöser Natur), Trommel und Glocke rhythmisch begleitet. Früher war der Zutritt zu den Zurkhanehs nur Männern gestattet, heutzutage dürfen auch Frauen dabei zusehen. Die Zurkhaneh-Rituale wurden 2010 von der UNESCO zum Welterbe ernannt. Wir sehen hier leider nur die abgeschwächte Version mit Tanz, gymnastischen Übungen und dem Drehen und Schwingen von Holzkeulen. 

Ich kann mich dann nochmal im Hotelzimmer duschen und bis 19 Uhr in dem Zimmer bleiben. Wenn ich das Hotel auf tripadvisor bewerte, bekomme ich dafür nochmal 5€ Rabatt und muss so nur 8€ für die Nutzung zahlen. 

Zum Abendessen gehe ich mit Ramin noch Eingeweide-Spieße essen. Es gibt Leber, Niere, Herz und irgendwas super Fettiges, was aber alles wirklich lecker schmeckt. Mit Fladenbrot werden die einzelnen Stücke vom Spieß gezogen, in das Brot gewickelt und in den Joghurt getunkt. Nichts für Jedermann, aber für mich Fleischfresser ein Genuss. 

Im Hotel kann ich dann nach 19 Uhr trotzdem noch im schönen Innenhof auf den Gestellen, die mit Teppichen bedeckt sind, ausruhen und schlafen. Um 23 Uhr holt mich Ramin dort ab - wir hatten eigentlich 1 Uhr ausgemacht - aber ihm ist eingefallen, dass ich ja noch unbedingt einen frisch gepressten Granatapfelsaft wollte. Deshalb fahren wir zum König des Granatapfels "Shanar" - (anar ist Granatapfel, Shah ist König), wo es wirklich absolut den leckersten frisch gepressten Saft in allen möglichen Varianten gibt (groß, klein, mit Zucker, ohne Zucker, mit anderen Fruchtsäften gemischt, mit einem Gewürz - weiß nicht, was das für eines ist). 

Danach fahren wir zum Bahnhof und erfahren dort, dass der Zug auch noch Verspätung hat. Mehrmals sage ich zu Ramin, er soll doch bitte heimfahren und muss hier nicht mit mir ausharren. Aber er lässt es sich nicht nehmen und wartet mit mir 4 Stunden am Bahnhof, bis endlich um 4.30 (ursprünglich 2.46 Uhr) mein Zug nach Kerman kommt. Er sucht mit mir auch noch meinen reservierten Schlafplatz, selbstverständlich in einem Abteil nur für Frauen. Außer mir sind noch 4 andere junge Frauen im Abteil, es wird frisches Bettzeug und eine kleine Flasche Wasser ausgeteilt und endlich kann ich mich hinlegen. 

Um 10.30 Uhr komme ich in Kerman an und fahre mit dem Taxi zum Jalal Guesthouse. Das liegt zwar etwas abseits von den Sehenswürdigkeiten, aber dafür ist es günstig, der Besitzer spricht super deutsch und organisiert Touren in die Wüste Lut. Mein Zimmer ist total in Ordnung, Klima braucht man nachts nicht mehr, weil es auf 9-13 Grad runterkühlt, es gibt ein gutes Frühstück, der Kühlschrank ist für alle da und jeder darf sich rausnehmen, was er will. Gemeinschaftsdusche zwar, aber bei 3 Gästezimmern ist das auch kein Problem. 

Die nächsten 4 Tage werde ich hier verbringen, auch mehr, wenn ich mein Programm nicht schaffe, denn für heute habe ich mir vorgenommen, nur faul zu sein. Meine Wäsche wird in die Waschmaschine gesteckt und nach 15 Minuten ist alles trocken. 

Später regnet es noch, was hier am Rande der Wüste Lut schon etwas Besonderes ist. 

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