Freitag, 18. November 2016

Warum ich mit dem Taxi / Jeep zum Damavand gefahren bin (31.08.2016)

Um 7 Uhr stehe ich auf und Ramesh macht Frühstück. Es gibt Walnüsse, Schafskäse, Fladenbrot, Spiegelei und Gürkchen. Ich bin aber so aufgeregt, dass ich nicht viel essen kann. Das meiste Zeug habe ich gestern schon gepackt und so lade ich erst mal alles in den Aufzug und schleppe am Schluss das Rad runter. Vor der Haustür wird dann alles auf das Rad verfrachtet. Eine Frau, die zufällig vorbei kommt, gibt mir Thumbs up und sagt "That´s very cool!" Ramesh schaut ziemlich ungläubig drein, und denkt wahrscheinlich, dass ich verrückt bin. 10 km weiter denke ich das im Übrigen auch. Nicht dass ich es nicht schon gewusst hätte, aber jetzt ist es bewiesen. Gleich die erste Steigung ist einfach der Hammer, die geht zwar nur leicht bergauf, aber das ist schon mit dem ganzen Gepäck einfach ätzend. Ich muss definitiv was los werden von dem ganzen Zeug. Etwas weiter aus Teheran raus lande ich auf dem Atesh Highway. Es ist mittlerweile schon wieder total heiß und da ich nach Osten radle, scheint mir auch noch die Sonne direkt ins Gesicht. Die Abgaswolken der Autos dazu ist nicht gerade eine tolle Mischung, aber ich kämpfe mich irgendwie aus der Stadt raus. Bei jeder etwas steileren Stelle muss ich absteigen und schieben. An einem Laden halte ich an und kaufe Wasser. Während ich im Laden bin schauen drei Jungs aus einer Werkstatt sehr neugierig mein Radl an, aber sie sind sehr zurückhaltend und als ich wieder rauskomme lehnen sie an der Werkstatttür als wäre nichts gewesen und schauen mir zu, wie ich die Wasserflaschen in meinen Wassersack im Rucksack schütte. 

In einem anderen Laden kaufe ich mir Pfirsiche und Feigen. Die sind super lecker und innen und außen nicht lila, wie bei uns sondern gelblich. Weiter die Straße entlang spricht mich dann schon wieder einer an, wo ich her bin. Er hat in London gelebt und spricht super englisch. Es wird wie immer nach der Nationalität und dem Woher und Wohin gefragt.  Er will mir seine Handy-Nummer geben und falls ich ein Problem habe, könnte ich ihn anrufen. Ich sage, dass ich schon klar komme. Mittlerweile stehen 4 Männer um mein Rad und einer will unbedingt ein Foto von der durchgeknallten Deutschen machen. Natürlich machen die dann auch noch eines von mir. Das ist super, so komme ich auch mal in den Genuss von Bildern, auf denen ich mit drauf bin. 

Dann geht es weiter in der sengenden Hitze dem Stausee entgegen. Laut meiner Locus-Map soll es hier immer am See entlang gehen, aber das Vergnügen einer super tollen Straße, auf der ich schön eben entlang des Sees rolle währt nicht lange. Plötzlich stehe ich an einem Tor, das zwar offen steht und laut meiner App wäre das auch genau die Straße, aber das kann ja nicht stimmen. Links hoch geht eine Schotterpiste, na gut, dann wird es die sein. Diese Steigung kann beim besten Willen nur geschoben werden. Als ich ungefähr 600 m geschoben habe, denke ich mir, dass das richtungstechnisch und laut meiner App überhaupt nicht stimmen kann. Ich fahre also wieder zurück und Rolle durch das Tor durch. Vielleicht habe ich ja Glück und die Straße geht doch weiter. Oben im Wärterhaus sitzt schon mal niemand. Unten angekommen, sind ein paar Jungs mit Cowboyhut mit dem Schweißen von Metallbalken beschäftigt. Englisch, natürlich keine Chance. Ich frage nach dem Weg zum Damavand und sie bedeuten mir, dass das die Schotterstraße da oben ist. Dann kommt noch ein älterer Mann dazu und ein jüngerer, der so tut als ob er englisch könnte. Da komme ich aber nicht weiter. Der Ältere meint, der Junge würde mit dem Motorrad hochfahren und mir zeigen, wo ich hin muss. Super nett, aber ich habe es schon kapiert. Trotzdem fährt er los. Ich muss natürlich den ganzen Weg zurück hochschieben, weil das auch viel zu steil ist. Oben steht mittlerweile ein Auto mit einem Pärchen. Sie kann etwas englisch, aber viel ist auch hier nicht zu holen. Welcome to Iran und ich schiebe mein Radl den Schotterweg wieder hoch, verabschiede mich und bedanke mich. 5 Minuten später kommt der Typ mit dem Motorrad wieder hochgefahren und hat seinen Bruder dabei. Der kann etwas mehr englisch und fragt, ob sie mir helfen sollen, das Rad hochzuschieben. Ich lehne dankend ab, das schaffe ich schon. Tja, das ganze dauert dann eine geschlagene Stunde, weil das Rad so schwer ist, dass ich alle 25 Schritte (zähle das mittlerweile) stehen bleiben muss, um auszuruhen. Ein LKW-Fahrer kommt mir entgegen, der sich vielmals entschuldigt, dass er nicht in meine Richtung fährt, sonst hätte er mein Rad hinten drauf geladen.  Es ist einfach Wahnsinn, was für nette Leute hier leben. Als ich es endlich geschafft habe, geht es auf der anderen Seite runter zu dem Fluss, der in den Stausee mündet. Der ist eine ziemlich Dreckbrühe und überall liegt meterhoch der Müll rum. Verstehe ich nicht, dass da einfach noch das Verständnis fehlt. Eigentlich wollte ich hier erst mal gemütlich Pause machen und mein Obst essen, aber dazu ist es mir hier echt zu ätzend. Ich setze mich dann weiter unten unter einen Baum und futtere was. Alle, die vorbeifahren grüßen mich. 

Nach 1/2 Stunde schiebe ich noch diese steile Straße hoch, weil an fahren nicht zu denken ist. Als ich mal wieder stehenbleiben muss, bleibt ein Auto neben mir stehen, und der Fahrer meint, ich soll mich am Fensterrahmen festhalten, er würde mich hochziehen. Das könnte ich bestenfalls mit rechts machen, mit links keine Chance. Da würde es mich bestimmt gleich hinschmeißen. Sein Sohn bietet mir an, das Rad hochzuschieben. Ich bin schon so fertig, dass ich es zulasse. Ich kann es nicht glauben, aber er steigt tatsächlich auf und fährt grinsend den Berg hoch. Allerdings gibt er oben dann aber schon zu, dass das "cheili sachte" (sehr schwer) war. Ich bin im klimagekühlten Auto mit hochgefahren. Die Frau schüttet mir noch kühles Wasser in meine Wasserflaschen und dann machen wir noch ein paar Fotos. Dem Jungen schenke ich als Dankeschön ein Mousepad mit dem i8 drauf. Mein Gepäck muss einfach leichter werden. 

Hier muss ich mich jetzt entscheiden zwischen der super gefährlichen Haraz-Road und der Strecke, die ich mir durch die Berge vorgenommen habe. Ich schau mir das ganze nochmal in meiner App an und bin mir ziemlich sicher, dass ich das in einer Woche nicht über die Berge schaffe, wenn das nicht überhaupt viel zu steil zum Schieben ist. Nachdem der Expressway heute morgen nicht ganz so schlimm war, entscheide ich mich für die Haraz-Road. Es geht auf der anderen Seite am Stausee entlang und dann nur noch bergab bis zu der Straße. Als ich die allerdings sehe, ist mir sofort klar, das geht gar nicht. Als ich einen Taxistand sehe, ist meine Entscheidung sofort klar und ich frage, ob die mein Rad auch mit dem Taxi nach Polour (dem Ausgangspunkt zum Damavand fahren würden). Ich soll zur Taxizentrale mitgehen. Da wird viel diskutiert und schließlich findet sich einer, der es machen wird. Wieviel es kostet, kann er mir erst sagen, wenn wir dort sind, wegen der Kilometer. Ist mir aber in dem Moment wirklich sowas von egal, was das kostet. Ich will nur auf keinen Fall mehr auf dieses Rad steigen und noch irgendeine Steigung in sengender Hitze hochschieben. Irgendwie schaffen die es, dass mein Rad auf die Rückbank passt und in den Kofferraum meine ganzen Sachen. Dann steige ich vorne ein, was man als Frau zwar nicht macht, aber hier gibt es halt keine andere Möglichkeit.

Als ich einsteige habe ich erst den Eindruck, dass der Typ eine Fahne hat, aber wir sind hier in Iran, das kann eigentlich nicht sein. Ich hab mich wohl verrochen. Es dauert ungefähr eine Stunde, bis wir in Polour ankommen. Zwischendrin müssen wir noch tanken und als wir weiterfahren, macht der Taxler eine total zerknautschte Wasserflasche auf und lässt mich dran riechen - kein Zweifel mehr, da ist Schnaps drin. Er gießt sich was in einen Kaffeebecher und Cola dazu und bietet mir die Geschichte an. Nein, danke, das lehne ich ab. Er meint, es wär zwar warm, aber er würde es super finden und schüttet sich das Zeug rein. Na wunderbar, da bin ich also mit einem halb besoffenen Taxler unterwegs. Kein Wunder, dass der Typ fährt wie der Henker. Also ich bin ja wirklich nicht zart besaitet, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich lebend in Polour ankomme und ob wir nicht demnächst zu den Todesopfern gehören, die es hier täglich auf dieser Strecke gibt. Fast  bereue ich es schon, dass ich nicht doch mit dem Rad gefahren bin. Allerdings hätte ich das nie geschafft, was mir nach der Stunde auch bewusst wird. So wie der Typ fährt, das kann sich keiner vorstellen. Leider ist meine Tasche mit der Go pro im Kofferraum, das wäre das Hammer-Movie geworden. Volle Pulle rechts und links zwischen den Autos durch, kommt man auf der einen Seite nicht vorbei, wird das Lenkrad rumgerissen und rechts vorbeigebrettert oder einfach zwischen zwei Autos so knapp durch, dass wirklich keine Handbreit mehr Platz ist. Das ganze bei ohrenbetäubender Musik und Zigarettenqualm. Am Schluss fragt er noch, ob ich seinen Fahrstil gut finde. Ich kann nur noch sagen "cheili chub" (sehr gut). 

Nachdem ihr dieses Mail jetzt lest, ist alles gut gegangen und ich habe die Horrorfahrt überlebt. Ich hoffe, er auch die Rückfahrt. An der Auffahrt zum Base Camp II wird mir auch gleich klar, dass ich das nicht radeln kann. Also lass ich mich mit dem ganzen Gepäck und meinem Radl auf 3000 Meter hochkarren. Heute ist mir wirklich alles egal und ich beschließe sofort nach dem Damavand zum kaspischen Meer zu fahren und dort einen Teil des Gepäcks nach Deutschland zu schicken. Auf 3 Monate Tortur habe ich keine Lust. Dass es anstrengend wird, ist ja kein Thema, aber wenn man nicht mal die kleinste Steigung raufkommt, weil es einfach zu schwer ist, dann macht das wirklich keinen Spaß. 

Am Base  Camp II werde ich dann gleich von dem Hüttenwart Mahsoud empfangen, es gibt Tee mit Spiegeleiern und Lavash (ganz dünnes Fladenbrot) und gesalzener Butter, dazu noch süße Karottenmarmelade. Auch sehr lecker.  Der Hüttenwart kann sehr gut englisch, sein Lieblingssatz "I am an international man". Ich kann mein Rad und den Rest meines Gepäcks hier lassen, wenn ich morgen zum Basecamp III aufsteige. Es ist in der Blechschachtel eine lustige Runde und auch wenn ich nicht viel verstehe, wird es recht gesellig.Hier oben stehen schon Zelte und da ich keinen Lust habe, meines aufzubauen, darf ich hier in einem der Zelte schlafen.  Mein Gepäck verfrachte ich rein und sortiere zusammen, was ich morgen für den Aufstieg brauche und was hier bleibt.
Wasser bekomme ich aus einem der Tanks und ein Plumpsclo gibt es auch. Nicht grade das Schönste, aber es erfüllt seinen Zweck. So kann ich mich mit meinem aufhängbaren Wassersack einigermaßen waschen, denn ich stinke mal wieder bis zum Himmel. Wasser gibt es auch im Basecamp III, so dass ich nicht so viel Wasser mitnehmen muss. Leider habe ich es jetzt doch geschafft, genau am Wochenende hier anzukommen, aber das hilft jetzt auch nichts. Einen Guide brauche ich daher nicht, denn Mahsoud bietet mir das an. Er kümmert sich ganz lieb um mich und verabschiedet sich, da er über Nacht zu seiner Familie fährt. Aber morgen früh um 7 Uhr wäre er wieder hier und dann könnte ich ein Frühstück haben. Ich schreibe hier noch den Bericht und will morgen zum
Sonnenaufgang aufstehen.  
Gefahrene Km: 40

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