Freitag, 18. November 2016

Trostlose Strecke, verlassener Bahnhof und doch schon in Qom (15./16.9.)

Eine coole Story zum Thema Geldwechseln, die mir in Semnan passiert ist, muss ich jetzt noch erzählen: 

Zu Fuß laufe ich noch runter in die Stadt, alle Banken haben zu. Aber von Sasan weiß ich, dass die meisten Banken eh kein Geld wechseln. Es ist so heiß, das hält man nicht aus. Wieder einmal frage ich mich, wie man das unter diesen Tschadors aushalten kann. In einem Laden, in dem ich mir Chips und eine Zahncreme kaufe, frage ich, wo man denn Geld wechseln kann. Das weiß er auch nicht so genau, aber kein Problem, er ruft jemanden an. Auf persisch schreibt er mir dann die Adresse auf einen Zettel und sagt mir, ich soll es dem Taxifahrer zeigen. Der erste hat schon 3 Fahrgäste drin und fährt nicht in diese Richtung. Der nächste nimmt mich dann mit. Schon bald kauderwelschen wir über mein Woher und Wohin, wieviele Kinder ich habe, wo mein Mann ist, wie ich Iran finde. Als ich ihm erzähle, dass ich "ba dotscharche" - mit dem Rad unterwegs bin, kann er es kaum glauben. Wir kommen vor der Wechselstube an - geschlossen. So ein Mist! Kein Problem, meint der Taxifahrer, und ruft bei der Nummer an, die auf der Scheibe der Wechselstube steht. 5 Minuten später sperrt der Besitzer schon den Laden auf und ich wechsle 200 €. Tja, sowas könnte man in Deutschland vergessen, wenn´s zu ist, ist´s zu und Basta!

Abends schlage ich mir im Hotel so richtig den Bauch voll. Ich bestelle unter anderem gemischten Salat. Sehr lustig finde ich, dass ich den dann in einer abgepackten und verschweißten Schachtel bekomme mit Salatsauce aus der Tube. Alles sehr lecker und auch mein beliebtes Dogh ist wieder dabei. Dann gibt es noch den absolut genialen Joghurt mit Schalotten und einen Riesen-Teller Reis mit Safranbutter, dazu zwei Spieße Kebab - einmal Huhn, einmal Lamm. Fladenbrot dazu und alles wieder extra lecker. 

Frühstücksbüffet am nächsten Morgen auch sehr gut, dann breche ich auf. Mir steht eine grausame Strecke Richtung Garmsar bevor. Erst in Garmsar kann ich dann auf die Straße nach Qom abbiegen. Die Strecke kann man eigentlich nur als Highway to hell bezeichnen. Es ist sauheiß, es gibt absolut keinen Schatten, die LKWs rasen an einem vorbei (gut dass es zumindest eine Art Standstreifen gibt, auf dem man fahren kann), wenn sie dabei dann noch Hupen oder direkt neben einem eine leckere Duftwolke ausstoßen (ob die hier mit Heizöl fahren?), dann braucht man wirklich nichts mehr. Ich trinke am Tag so meine 6-8 Liter weg, das wird aber wirklich alles wieder rausgeschwitzt. 

Nach 50 km mache ich Mittagspause unter einem großen Autobahnschild im Schatten. Innerhalb von Minuten wird es plötzlich um gefühlte 10 Grad wärmer. Ich denke mir schon, hab ich jetzt Hitzewallungen, oder was ist los? Am Horizont in meiner Richtung kommt plötzlich eine braune Wand daher. Das ist jetzt nicht dem Allah sein Ernst, dass er mir hier einen Sandsturm schickt? Ich krame schon mal mein Tuch raus, um Mund und Nase zu schützen. Aber so krass wird es dann doch nicht. Allerdings ist der Wind so stark geworden, dass er allen lockeren Sand (und das ist ne Menge) aufwirbelt und der Horizont ganz gelb wird. Weiter oben sieht man dann wieder blauen Himmel. Es geht leicht bergab, aber der Wind ist so stark, dass ich beim besten Willen nicht dagegen ankomme. Vor allem ist es unwahrscheinlich schwer, das Rad noch gerade zu halten und das ist mir gerade in Anbetracht der vielen LKW, die hier unterwegs sind, überhaupt nicht recht. Unglaublich! Was also tun? Ich sehe ein Schild, dass links nach unten zu den Bahngleisen zeigt: Bahnhof! Das ist ja die Idee, ich radle da jetzt runter und frage mal, wann der nächste Zug nach Qom geht. Gedacht, getan. Warum es diesen Bahnhof gibt, ist mir dann allerdings ein Rätsel. Er ist total verlassen, der Wind pfeift um die Gebäude, die noch nicht mal so alt aussehen. Kein Mensch ist zu sehen und ich glaube nicht, dass hier in letzter Zeit ein Zug gehalten hat. Ich komme mir gerade vor, wie in einem Wildwest-Film, es fehlen nur die "tumbling Tumbleweeds". Es gibt hier einen Wasserhahn, funktioniert, ein Clo mit Waschbecken und Licht, funktioniert auch und reichlich ebene Betonflächen, auf denen ich mein Zelt aufstellen kann. Heute bei dem Wind noch weiter radeln, nein Danke! Ich suche mir also einen Schattenplatz und bin dermaßen fertig, dass ich mich nur noch auf den Betonboden schmeiße und vor mich hindöse. Später hänge ich dann meinen Kopf unter den Wasserhahn. Das Wasser, das da rauskommt, ist noch heißer als die Luft. Scheinbar läuft die Wasserleitung direkt unter dem Boden entlang. Aber trotzdem kühlt es mit dem Wind ganz gut. 10 Minuten später ist ein Tuch wieder trocken. So verbringe ich also die heißen Stunden im Schatten. So gegen 18 Uhr überlege ich mir, dass ich jetzt langsam mein Zelt aufstellen könnte, da biegt ein Mann um die Ecke. Wir schauen uns beide recht verdutzt an, denn seit Stunden habe ich hier niemanden gehört oder gesehen. Wo kommt der denn jetzt her? Scheinbar hat er in seinem Kabuff weiter hinten gesessen und was den ganzen Tag gemacht? Vielleicht muss er irgendwelche Weichen stellen. Auf jeden Fall grüßen wir uns, die üblichen Fragen werden gestellt und er spült dann sein Geschirr am Wasserhahn ab. Wenig später kommt er mit einem Teller mit Honigmelone drauf um die Ecke. Die ist eiskalt!!! Was für ein Genuss! Er fragt mich dann, wo ich denn die Nacht verbringe und ich sage ihm, dass ich hier mein Zelt aufschlagen wollen würde. Nein, das ginge nicht, da würde die Polizei nachts kontrollieren, das wäre nicht erlaubt. Mit der Polizei will ich nichts mehr zu tun haben. Also packe ich meine Sachen ein und radle wieder hoch zur Autobahn. Nach 2 km geht rechts ein Schotterweg rein und es sind dort in der Ferne einige schöne Erdhügel zu sehen, die man gut als Deckung verwenden kann. Hier verbringe ich die Nacht unter einem Vollmond, der mein Zelt ziemlich hell erleuchtet und der am Morgen fast schon so rot, wie die Sonne aufgeht, im Westen untergeht. 
Schon vor Sonnenaufgang radle ich los. Es ist noch angenehm von den Temperaturen und vor allem KEIN Wind mehr. Heute ist der erste Tag, an dem mir nicht nach 10 km schon der Hintern so weh tut, dass ich nicht mehr weiß, wie ich sitzen soll. Das lässt hoffen, dass es ab jetzt sehr gut gehen wird. Irgendwann hält mich ein LKW-Fahrer auf. Er wäre selber Radfahrer und würde das echt super finden, was ich hier mache. Dann schenkt er mir eine Flasche Wasser, eine Banane, einen Apfel und eine der leckeren Limonen. Außerdem gibt er mir seine Kontaktdaten und wenn ich irgendein Problem hätte, soll ich ihn gerne anrufen. Solche Kontaktdaten habe ich schon eine ganze Menge gesammelt und finde das wirklich super nett von allen. Später komme ich an ein paar Verkaufsständen vorbei. An einem frage ich, ob es hier auch Frühstück gibt. Bin ja ohne einen Bissen losgeradelt. Ja, er könnte mir ein Omelett machen. Wunderbar, das klingt super! Auf einem bequemen Diwan lasse ich mich nieder und werde mit einem super tollen Omelett verwöhnt, dazu wie immer Fladenbrot. Damit wird das Omelett aufgetunkt, Torshi (eingelegtes, Saures Gemüse) und Dugh. Dann kaufe ich noch Fladenbrot und Streichkäse für Mittags. Eine Familie, die gerade anhält will inklusive der Oma Fotos von mir machen. Dann geht es weiter durch die Hitze. Es ist 9 Uhr und dann geht es mit dem Wind wieder los, zwar nicht so stark wie gestern, aber das bremst ziemlich ein. 
Endlich bin ich in Garmsar  und will da auf die Straße nach Qom anbieten, aber was ist das? Das ist nun tatsächlich eine Autobahn und ganz groß steht dort, dass man mit dem Moped und Rad dort nicht fahren darf. Die Straße schaut zwar ganz genau so aus, wie die Straße, auf der ich hergekommen bin, aber auf ein Treffen mit der Polizei habe ich keine Lust. Also wie lautet Plan B? Ich befrage meine Karte. Tja, dann geht nur eine Straße nach Teheran und von dort aus nach Qom. Das ist ja der Hammer! 90 km bis Teheran, einen Tag und dann wieder 180 km bis nach Qom. Nein, da habe ich keine Lust drauf. Ich radle zurück nach Garmsar (Rückenwind, das ist toll!). Dort frage ich ungefähr 10 Leute nach dem Busbahnhof. Als ich ihn endlich finde, bekomme ich dort die Auskunft, dass von hier nur Busse nach Teheran fahren, nach Qom geht da nichts. Wie umständlich ist das denn? O.k. Wann geht der nächste Bus nach Teheran? Heute nicht mehr. Aha... Jetzt stehe ich wieder da und brauche einen Plan C. Taxi! Wieviel kostet das? Nach Qom ist mir das zu teuer, nach Teheran könnte er mich für 10€ fahren. Wie die immer mein Rad in das Auto kriegen, ist mir ein totales Rätsel. Das Gepäck kommt in den Kofferraum, die Rücksitzbank wird rausgerissen und dann stopfen sie das Rad auf die Rücksitzbank. Oben drauf dann wieder die Rücksitzbank geworfen und los geht´s. Mittlerweile sind schon wieder 10 Männer um mich versammelt, die mich jedes kleinste Detail fragen. Die finden das alle super witzig und wollen meine Visitenkarte. Ich wette, ich habe 345 Facebook-Anfragen, wenn ich nach Hause komme :-)
Ganz schnell sind wir in Teheran und ich richte mich schon auf eine Wartezeit am Busbahnhof dort ein. Aber weit gefehlt, der Taxler ruft einem Busfahrer was zu, der grade loswollte. So schnell kann ich gar nicht schauen, wie mein Rad und mein Gepäck in den Bus wandern und ich im Bus nach Qom sitze. Wenn man die Geschwindigkeit mit dem Fahrrad gewöhnt ist, bekommt man hier glatt einen Geschwindigskeitsrausch. Kaum habe ich meinen Hintern im Bus platziert reichen mir zwei Frauen einen Schokoriegel und eine Tüte Obst nach hinten. Damit ich das Obst auch schneiden kann, schenken sie mir noch ein kleines Messerchen. Später gibt es dann noch Nüsse. Das Kind meiner Sitznachbarin pennt schon halb auf meinem Schoß und so geht es über die Autobahn im klimagekühlten Bus. Als wir 2 Stunden später in Qom sind, steigen die beiden Frauen vor mir mit aus und helfen mir beim Beladen des Radls. Mann, ist es hier etwa noch heißer als in Garmsar oder kommt mir das nach der klimagekühlten Fahrt nur so vor? Dank Locus-Pro Map weiß ich gleich, wo sich das Hotel befindet, das ich mir vorher schon im Buch rausgesucht habe. Los geht´s nochmal 7 km in die Stadt rein. Ich komme dabei schon an der Hauptsehenswürdigkeit der Stadt vorbei, nämlich der Grabmoschee der Fatima, eine der heiligsten Stätten der Schiiten. Wunderschön, wie sie aussieht, mit vielen Minaretten, einer goldenen Kuppel und einer größeren Kuppel, die mit smaragdgrünen und türkisfarbenen Kacheln geschmückt ist. Leider darf man lt. Buch als Nichtmoslem nicht in das Innere, wenn man Glück hat vielleicht in den Innenhof. Mal sehen, ob ich morgen einen Wärter finde, der mir gut gesonnen ist. 
Qom ist eine sehr religiöse Stadt und wird auch "Tschador-City" genannt, aber was ich bis jetzt gesehen habe, wird auch Kopftuch getragen. Gut so, denn mein Tschador ist ebenfalls dem Gewichts-Tabula-Rasa zum Opfer gefallen. Auf jeden Fall schauen hier an jeder Ecke Khomeini und Chatami von den Plakaten mahnend auf einen herab. 2 Tage werde ich hier im Hotel verbringen und mich dann langsam in Richtung Isfahan vorarbeiten. 

Viele Grüße aus der Pilgerhauptstadt Nr. 1
Anja 

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