Um 8 holt mich Zeynab, die junge Frau, die ich getroffen habe, im Hotel ab. Wir fahren mit dem Taxi bzw. mit mehreren Taxen zum Fin-Garden. Das läuft so: man hält ein Taxi an, das schon mal in die Richtung fährt. Wenn da schon jemand drin sitzt, kein Problem, man setzt sich mit rein, sagt wo man hinwill und gibt dem Fahrer Geld. Irgendwie weiß jeder, wieviel welche Strecke kostet. Und das ist um einiges günstiger, als das was ich bisher bezahlt habe und selbst das war ja nicht viel. Ich beobachte das Ganze ganz genau, damit ich es beim nächsten Mal genau so machen kann.
Im zweiten Taxi sitzt schon ein Turbanträger, der sich auch den Fin-Garden anschauen will. Und was passiert, er zahlt unsere Fahrt gleich mit. Am Fin-Garden angekommen, ärgere ich mich mal wieder tierisch über mein Buch, in dem steht, dass er um 8 Uhr öffnet. Stimmt nicht, er öffnet um 9 Uhr. Super, jetzt habe ich Zeynab extra früh aus dem Bett gescheucht und jetzt können wir eine Stunde hier blöd rumsitzen. Das ist mir schon mal wieder super peinlich, vor allem weil sich Zeynab heute extra einen Tag im Büro freigenommen hat, um den Tag mit mir zu verbringen. Wir vertreiben uns dann die Zeit in einem der Cafés am Straßenrand, wo man sich auf Diwanen und Kissen schön hinlümmeln kann. Um einen herum fließt überall Wasser aus der Quelle, die auch den Fin-Garden bewässert. Das ist hier am Rande der Wüste schon etwas ganz Besonderes. Natürlich darf ich auch hier mein Getränk nicht selbst bezahlen.
Als es dann endlich 9 Uhr ist, besteht Zeynab darauf, mein Ticket zu bezahlen, was mir überhaupt nicht Recht ist. Sie sagt, sie bekommt es günstiger. Tja, leider funktioniert das nicht, weil der Ticketabreißer natürlich sofort sieht, dass ich keine Einheimische bin. Zeynab regt sich fürchterlich darüber auf, dass ich das 10fache - ja ihr habt richtig gehört - das 10fache bezahlen muss wie ein Iraner. Das 10fache sind in diesem Fall 5€. Ich finde, das Doppelte wäre auch o.k., dass ich es nicht so günstig wie die Einheimischen haben kann, ist mir schon klar, schließlich haben wir Touristen ja auch viel mehr Geld, aber trotzdem ist es nicht richtig und das macht Zeynab auch dem Ticketverkäufer ausdrücklich klar. Sie weigert sich dann auch noch, von mir das Geld anzunehmen. "No, you are my guest today!" Unglaublich, ich versuche, ihr die Kohle irgendwie zuzustecken, aber sie wehrt das vehement ab. Ich habe keine Chance.
Ein paar Worte zum Bagh-e Fin, wie er auf persisch heißt, muss ich an dieser Stelle noch verlieren. Nachdem es ein UNESCO-Welterbe ist, habe ich natürlich Wunder was erwartet. Ich muss sagen, ich habe gestern in Kashan tollere Häuser und Hammams gesehen, als im Bagh-e Fin. Ich glaube allerdings, was es als Weltkulturerbe auszeichnet, ist die raffinierte Art, wie das Wasser durch die Gebäude geleitet wurde und wird. Erbaut wurde der Garten 1590 von Shah Abas nach dem Vorbild eines persischen Paradiesgartens. In der Mitte eines zweistöckigen Pavillons befindet sich das Hauptbecken der Quelle, das von dort in verschiedene Richtungen geleitet wird. Zuerst wird damit der Paradiesgarten bewässert und im Anschluss fließt das Wasser durch das Dorf Fin, um die Felder zu bewässern. Diese Quelle existiert schon seit der Zeit der Buyiden und Mongolen. Historisch besonders interessant ist eines der Hammams, in dem 1852 der Premierminister Amir Kabir vom Qadjarenherrscher Nasreddin Shah ermordet wurde.
Hier ist heute die Hölle los. Ich weiß gar nicht warum, ist doch kein Wochenende. Zeynab erklärt mir, dass heute der letzte Tag des Sommers ist (deswegen wurden auch heute Nacht die Uhren umgestellt) und ab morgen die Schule wieder losgeht. Schön sind im Pavillon die Deckenbemalungen und der Garten ist auch sehr schön angelegt, aber gebäudetechnisch bin ich schon etwas enttäuscht.
Hier spricht mich wieder eine andere junge Frau an, ist total begeistert, dass ich aus Deutschland komme. Deutschland wäre so toll und hätte so eine tolle Kultur. Na, ich weiß ja nicht. Wenn ich mir anschaue, wie in Deutschland Fremde behandelt werden und wie ich hier behandelt werde, dann frage ich mich, wer hier die bessere Kultur hat. Aber das ist ein Thema, über das könnte ich mich stundenlang auslassen. Ich frage auch Zeynab zu ihrer Meinung, warum das so ist, dass in den Ländern, in denen die Menschen nicht viel haben, viel geben und bei uns in Deutschland kräht kein Hahn danach, da heißt es immer nur: Hauptsache ich! Aber Zeynab hat darauf auch keine Antwort. Es kann ja auch nichts mit dem Islam zu tun haben, denn in Indien zum Beispiel ist es ja genau das gleiche. Wenn ich ehrlich bin, fängt es doch schon an, dass die Leute in Österreich freundlicher sind, als wir Deutschen. Ich frage mich, warum alle Deutschland so toll finden. Ja, wir sind so zuverlässig und pünktlich und unsere Maschinen und Geräte sind praktisch unkaputtbar, aber die Menschen... Ich weiß nicht, bei uns käme doch keiner auf die Idee am Marienplatz einen Japaner anzusprechen und mit zu sich nach Hause zum Mittagessen zu nehmen. Warum eigentlich nicht? Vielleicht sollten wir das alle mal ausprobieren. Und vielleicht hätten wir dann auch irgendwann mal den Ruf, dass wir gastfreundlich sind, denn das können wir uns ja wirklich nicht auf die Fahne schreiben.
Genauso verhält es sich mit der Hilfsbereitschaft. Wenn ich hier in Iran auch nur kurz an einer Kreuzung stehe und in meine Karte schaue, dann dauert es höchstens 2 Minuten, bis mich jemand entdeckt und mich fragt, ob er mir helfen kann. Wenn er es nicht weiß, wird rumgefragt oder jemand angerufen. Habt ihr schon mal einen Touristen, der irgendwie hilflos mit seinem Stadtplan in der Hand in München gestanden ist, angesprochen, ob ihr ihm helfen könnt? Ja, hab ich auch noch nie gemacht. Auch diese ganze Service-Wüste bei uns, ist ein Graus. Ich werde nie vergessen, als ich aus USA zurückkam und zum Kaufhof bin und irgendwas Bestimmtes wollte. Die Antwort der Verkäuferin: "Hamma ned!" Hallo? Geht´s noch, vielleicht ein Vorschlag, wo man es kriegen könnte. Aber jetzt schweife ich ab....
Wir fahren dann vom Bagh-e Fin zu Zeynab nach Hause und müssen dabei 3x das Taxi wechseln. Dass ich da irgendwie kohletechnisch meinen Beitrag leisten könnte - Fehlanzeige. Als wir bei Zeynab ankommen, erst mal Begrüßung der ganzen Familie, Vater, Mutter, 2 Schwestern, die Schwägerin, Schwager und der Bruder sind da. Wir sitzen alle im Wohnzimmer am Boden auf dem Teppich, im Rücken bequeme Kissen und jeder macht es sich bequem, wie es gerade gefällt. Schüsseln mit Obst werden herangeschafft, eisgekühlten Mangosaft gibt es und natürlich Nüsse: Pistazien und ganz besondere Mandeln, nämlich welche mit einer sehr dünnen Schale, die man einfach mit den Fingern, wie die Pistazien aufmachen kann. Die schmecken wie ganz normale Mandeln, aber mit so einer hauchdünnen Schale habe ich die noch nie gesehen. Während wir hier unten im Wohnzimmer im Kühlen sitzen, bereitet der Vater oben auf dem Balkon die Kabobs (Fleischspieße) in der prallen Sonne zu. Ich beneide ihn wirklich nicht, aber Zeynab meint, für sie wäre es jetzt Herbst. Ja, es hat 35 herbstliche Grad. Normalerweise hat es in Kashan im Sommer 50 Grad. Da geht keiner mehr vor die Tür.
Das Mittagessen gibt es dann natürlich auch auf dem Boden des Wohnzimmers. Tisch und Stühle gibt es nicht. Dazu wird ein großes Plastiktischtuch am Boden ausgebreitet und die Speisen dort angerichtet. Meistens gibt es auch kein Messer, aber das Fleisch ist immer so zart, dass man es mit Löffel und Gabel teilen kann. Witzig ist, wie man hier den Salat ißt: jeder bekommt ein Plastikschüsselchen mit Grünzeug. Das wird so wie es ist, ohne dass man es mit einer Sauce oder Essig und Öl anmacht, dazu gegessen. Da liegen Stengel von Basilikum, Minze, Koriander, ein paar Radieschen und Frühlingszwiebeln drin. Es gibt leckeren Kabob, selbstverständlich für den Gast zwei Spieße (einmal Lamm, einmal Huhn). Die anderen Frauen bekommen nur einen Spieß. Ich komme mir schon wieder reichlich verfressen vor. Dazu gibt es torshi (die sauer eingelegten Gemüseteilchen), extra für mich haben sie einen Krug Dugh selbst gemacht und leckeres Grünzeug, unter anderem Minze, mit reingeschnibbelt. Dann natürlich Reis, gegrillte Tomate, kleine Essiggürkchen, Bohneneintopf, frittierte Kartoffelscheiben mit angebratenem Reis dran und rohe Paprikastücke. Es schmeckt wirklich sehr lecker und ich werde natürlich mehrmals aufgefordert, noch mehr Reis, noch mehr torshi etc. zu nehmen.
Danach sitzen wir noch in gemütlicher Runde zusammen und es gibt noch ein ganz besonders leckeres Getränk, was ich hier zum ersten Mal trinke. Es heißt Darchin und besteht aus heißem Wasser, Zimt, Honig und Safran. Später gibt es noch roten Tee, den ich hier auch noch nicht bekommen habe. Ich glaube, es ist Hagebutten-Tee. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon erzählt habe, wie hier der Zucker mit dem Tee zusammen getrunken wird. Man nimmt ein Stück "ghand" (grob gehackter Würfelzucker, also nicht so millimetergenau geformt wie bei uns), tunkt ihn kurz in den Tee und klemmt ihn dann zwischen die Zähne. Dann wird der Tee durch den Zucker hindurch gesaugt und so getrunken. Ich muss das allerdings noch üben, weil ich nicht weiß, wie ich dabei auch noch sprechen soll und das schaffen sie hier irgendwie. Immer wenn ich mir grade den Zucker hinter die Zähne geklemmt habe, fragt mich einer was und ich muss dann entweder den Zucker zerkauen oder ihn in eine Backenhälfte schieben und antworten. Aber je nachdem wie lang die Antwort ausfällt, löst sich der derweilen natürlich auf. Ist der Tee noch zu heiß, wird er in eine Untertasse gegossen und aus der Untertasse geschlürft. (Ich meine, ich habe das doch schon mal berichtet :-))
Später soll ich in Zeynabs Notizbuch schreiben, in welchen Ländern ich schon überall war. Es werden zwei Seiten voll. Sie kann es nicht glauben und sagt, sie würde sich wünschen, einmal soviel Reisen zu können. Wir unterhalten uns dann auch noch über Hedschab und Tschador und sie fragt mich, was ich davon halte. Da muss ich jetzt natürlich etwas vorsichtiger sein. Ich sage, dass ich es mir nicht vorstellen kann, bei der Hitze mit einem Tschador rumzulaufen, was sie ja auch nicht macht. Ich frage sie, was sie machen würde, wenn man in Iran nun plötzlich tragen könnte was man wollte, ob sie dann trotzdem noch Hedschab und ihren schwarzen Umhang tragen würde. Sie sagt, sie würde auf jeden Fall noch einen Manteaux anziehen (das ist ein knielanger Mantel oder Bluse mit langen Ärmeln). Im Haus allerdings hat sie eine knallenge Jeans an, ein ärmelloses Top, das ganze bauchfrei. Sie sieht völlig verändert aus, wie eine komplett andere Frau. Auch die Schwägerin, die wenig später zu ihren Eltern nach Isfahan fährt, hat super moderne Kleidung an. Als sie sich dann von mir verabschiedet, ist mir im ersten Moment gar nicht klar, dass sie es ist. Zuerst denke ich, dass eine neue Verwandte in den Raum gekommen ist. Eine von Zeynabs Schwestern z.B. Behält die ganze Zeit ihr Kopftuch auf. Zeynab sagt, hier im Haus dürfte jeder tun, was er will, es gäbe kein "muss". Wir sitzen am Boden und unterhalten uns, während der Bruder gen Mekka betet. Dann unterbricht er mal wieder das Gebet, bringt sich ins Gespräch ein und weiter geht es mit Beten. Das habe ich jetzt schon öfter erlebt, dass ein Teil der Familie, meistens waren es übrigens die Frauen, sich ihren Gebetstschador umlegen und einfach, während die anderen quatschen und essen, 2 Meter neben einem beten oder im Koran lesen.
Zeynab und ich haben uns auch über den Islam unterhalten und sie will meine Meinung dazu hören. Ich sage ihr, dass ich mich mit dem Islam nicht wirklich sehr gut auskenne, dass ich aber im Prinzip gegen den Islam oder jede andere Religion überhaupt nichts habe. Jeder soll die Religion haben, die ihn glücklich macht. Allerdings füge ich noch hinzu, dass ich nicht glaube, dass Allah es gutheißen würde, dass in seinem Namen Nicht-Moslems umgebracht werden. Zeynab ist voll begeistert, haut mir auf die Schulter und meint: "you´re so right!"
Nachdem das Borudjerd House, das ich mir noch anschauen wollte, schon um 17.30 Uhr schließt, brechen wir um 15.30 Uhr auf, um wieder nach Kashan zu fahren. Es werden Gruppenfotos geschossen, Zeynab packt mir Nüsse und Obst ein. Ich bedanke mich bei allen und dann fährt mich Zeynabs Schwager in Begleitung von Zeynab und ihrer Schwester wieder nach Kashan zurück, direkt vor meinen Besichtigungswunsch. Ich wäre auch einfach in ein Taxi gesprungen und hingefahren, aber das kommt für alle überhaupt nicht in Frage. Wahnsinn, oder? Jetzt wo ich das schreibe, finde ich das Ganze wieder sowas von unglaublich. Aber für alle anderen scheint es wirklich ganz normal zu sein. Ich schenke Zeynab dann noch zum Abschied ein BMW-Notizbuch und einen BMW-Stift dazu, da sie sich immer ganz viele neue englische Worte, die sie gelernt hat, aufschreibt. Sie bedankt sich und sagt : "I am very sorry, but I don´t have a present for you!" Das ist nach dem tollen Tag, den sie mir bereitet hat ja nun auch wirklich nicht mehr nötig.
Ich schaue mir dann noch das Borudjerd House an, das für eine Kashaner Kaufmannsfamilie im 19. Jahrhundert erbaut wurde, an. Es ist brutal heiß - herbstlich halt - und hier sind heute ziemlich viele Touristen. Ich weiß gar nicht, was los ist, sonst war ich immer alleine bei meinen Besichtigungstouren. Hier ist die Kuppel des Hauptsaales wunderschön bemalt, über den Öffnungen nach oben ist der Badgir (Windturm) aufgesetzt. Leider kann man hier nicht auf das Dach, um den Windturm genau zu betrachten. Ich kenne ihn daher nur von Fotos.
Von dort aus laufe ich durch den Basar, finde sogar gleich noch eine Wechselstube, wo ich 100€ wechsle. Meistens sind die Geldwechselstuben im Goldbasar zu finden. Heute ist der Basar geöffnet und man kann in viele der offenen Seitentüren in teilweise traumhafte Innenhöfe mit wunderschönen Kuppeldecken reinschauen. In einem davon darf man auch auf das Dach. Der Halsabschneider will 100000 Rial (2,50€), nein das geht gar nicht. (Zum Vergleich, mein Abendessen gestern, bestehend aus Hühnerspieß, Reis, Joghurt, Dough und einer Flasche Wasser hat 165000 Rial gekostet) Ich gebe ihm 50000 Rial, was er scheinbar auch super findet, denn er bedankt sich überschwänglich bei mir, als ich wieder gehe. Probieren kann man es ja mal. Wahrscheinlich hätte er sich auch mit 20000 Rial zufrieden gegeben, aber wollen wir mal nicht so sein. Von hier oben hat man einen tollen Blick über die ganze Stadt und die umliegenden Dächer, vor allem die Kuppeldächer des Basars.
Mir ist noch eingefallen, dass in der Nähe von Kashan das Hauptzentrum des Rosenanbaus ist und überall dort und in der Stadt wird Rosenwasser verkauft. Rosenwasser wird in der iranischen Küche vor allem bei der Zubereitung von Süßspeisen und Gebäck verwendet.
Mein Oberteil ist schon wieder total nassgeschwitzt und ich kaufe mir dann nur noch in einem Supermarkt zwei Dosen Cola. Heute gehe ich nicht essen, bin vom Mittagessen noch satt. Außerdem habe ich hier wieder einiges an Nüssen, Obst, Creamcheese, Brot und Chips.
Durch die Uhrumstellung ist es jetzt leider schon um 18.30 Uhr fast dunkel. Das ist ziemlich blöd, denn jetzt muss ich mir noch früher einen Schlafplatz suchen.
Mein nächstes Ziel ist Ardestan, 100 km entfernt - natürlich wieder auf meiner bevorzugten Lieblingsstrecke dem Wüstenhighway - HILFE!
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