Freitag, 18. November 2016

ESFAHAN - die halbe Welt (25.-27.9.)

Ein persisches Sprichwort lautet: "Schau die ganze Welt Dir an - die Hälfte davon ist Esfahan". 

Ich möchte es mit den Worten von Pierre Loti beschreiben, denn so wie er es 1900 empfunden hat, ist es heute noch. Und ich habe nicht die Worte, diesen wunderschönen Platz, den Meydan-e Imam, wie er heute heißt, zu beschreiben: 

"Hier sehen wir plötzlich den Platz Esfahans vor uns liegen, der in keiner europäischen Stadt seinesgleichen findet, weder was die Größe, noch was die Pracht anbelangt. Er ist im reinen Rechteck erbaut (Anm.: 524x160 Meter), wird von gleichmäßigen Gebäuden eingerahmt und hat eine so gewaltige Ausdehnung, dass die Karawanen, die langen Reihen der Kamele, die ihn in diesem Augenblick unter einem wunderbar strahlenden Morgenhimmel kreuzen, dass dies alles sich hier zu verlieren scheint; seine vier Seiten werden zum größten Teil von den langen, geraden Schiffen der Basare gebildet, mit ihren übereinander liegenden, riesengroßen, gemauerten Spitzbogen aus grauestem Stein, die sich in eintönigen, endlosen Reihen dahinziehen; aber, um diese Gleichgültigkeit der Linien zu unterbrechen, leuchten die seltsamen, herrlichen Gebäude uns gleich kostbaren Porzellanstücken von verschiedenen Seiten entgegen. 

Im Hintergrund, in majestätischer Zurückgezogenheit und doch im Mittelpunkt von allem, liegt die kaiserliche Moschee (heute: Masdjed-e Imam). Alles ist aus blauem Lapislazuli, aus blauem Türkis, ihre Kuppeln, ihre Portale, ihre ungeheuren Spitzbogen, ihre vier Minarette, die gleich riesengroßen Spindeln in die Luft hineinragen. 

Mitten auf der rechten Seite sieht man den Palast des großen Kaisers, den Palast des Shah Abbas, seine schlanke Säulenhalle im alten assyrischen Stil, die auf einem dreißig Fuß hohen Sockel ruht, hebt sich wie etwas Leichtes, Luftförmiges in dem leeren Raume ab." (heute: Palast Ali Qapu)

Besser als Pierre Loti kann man es nicht beschreiben. Der Platz ist einfach wunderbar und man kann dort lange verweilen, sich ins Gras oder abends auf die von der Hitze des Tages noch warmen Steinstufen oder Mauern setzen und sich anschauen, wie langsam die Farben im Sonnenuntergang immer kräftiger werden. 

Die Front der Lotfollah-Moschee strahlt dann wie aus Gold und später wird alles beleuchtet. Hier sitzen Abends die Familien und machen Picknick, Pärchen sitzen hier und manche schlendern sogar Händchenhaltend die Arkaden auf und ab. In der Mitte des Platzes ist heute ein großer Brunnen mit Wasserfontänen. Durch den Wind, der hier immer weht, bläst einem eine kühle Wasserbrise ins Gesicht. Ein perfekter Ort um zu verweilen und sich die Szenerie anzuschauen. Auch der Basar ist wunderbar entspannt. Hier wird man nicht ständig zum Souvenirkauf aufgefordert. Ab und zu ein "Welcome", "Hallo" oder "where do you come from", sonst kann man sich dort einfach stundenlang treiben lassen. Weiter hinten im Basar, wo die Touristenware endet, wird es erst spannend. Da gibt es dann die Waren des täglichen Lebens, Gewürze, Nüsse, Kleidung, Schuhe, Haushaltsartikel, Schneider, Metallbearbeiter und vieles mehr. 

Natürlich komme ich jetzt nicht darum herum, euch noch ein paar geschichtliche Daten über Esfahan mit auf den Weg zu geben. 
Heute hat Esfahan ungefähr 3 Mio. Einwohner und liegt auf einer Höhe von 1570 Metern. Dadurch ist das Klima recht angenehm und nachts kühlt es derzeit auf 20 Grad ab. Die Stadt konnte vor allem auch wegen dem Zayandeh Rud ("Der Leben spendende Fluss") entstehen, der im Zagros-Gebirge entspringt. Leider fließt hier im Sommer kein Wasser mehr, das Flussbett werdet ihr später nur im ausgetrockneten Zustand sehen. Esfahan ist eine sehr alte achämenidische Siedlung, wurde 643 von den Arabern in Besitz genommen, Aufschwung bekam die Stadt erst durch die Eroberung der Seldschuken 1051. Den Gipfel seiner Pracht hat die Stadt dann 1598 erreicht, als Shah Abbas I. Esfahan zur Hauptstadt erklärte und in den nächsten 3 Jahrzehnten zur einer Residenzstadt ausbauen ließ. Es war das Zentrum des Reichs und sein Ruf verbreitete sich bis nach Europa. Im 17. Jahrhundert hatte Esfahan den Ruf einer der schönsten Städte der Welt zu sein, nachdem der große Platz mit prachtvollen Moscheen, Palästen und Gartenanlagen sowie mehreren Brücken angelegt wurde. Im 18. Jahrhundert zerfiel die Stadt unter der Safaviden-Herrschaft immer mehr, so dass Pierre Loti 1900 berichtet, er hätte Angst, dass Esfahan das Ende des Jahrhunderts nicht mehr erleben würde. Zum Glück hat er sich da geirrt. 

Die ersten beiden Tage verbringe ich eigentlich nur mit Besichtigungen im Basar und rund um den großen Platz. Mehr als zwei der wunderschönen Gebäude, eines vormittags, eines nachmittags ist nicht empfehlenswert, weil man dann einfach nichts mehr aufnehmen kann. Die Pracht der wunderschönen Kacheln, bemalten Wände, Spitzbogen und bemalten Stuckelemente muss man erst mal sacken lassen. 

Ich treffe mich auch mit Reza Tavakol, ein sehr netter Mann, der in den 70er Jahren in Deutschland gearbeitet hat. Ich habe ihn über Azadeh aus München kennen gelernt. Obwohl er seit 30 Jahren wieder in Iran lebt, spricht er ein sehr gutes Deutsch. Wir gehen gemeinsam in ein traditionelles Restaurant zum Abendessen. 

Selbstverständlich bin ich sein Gast und darf meinen Teil des Essens auf keinen Fall zahlen. Was ich ganz besonders erstaunlich finde ist, dass er sich mit mir trifft, obwohl seine 97jährige Mutter vor 3 Tagen einen Gehirnschlag hatte und seitdem im Koma liegt. Da hätte ich jetzt wirklich andere Gedanken, als mich mit einer fremden Ausländerin zu treffen. Aber auch das ist die Gastfreundschaft der Iraner. 

Wie es in Esfahan weitergeht, erfahrt ihr im nächsten Bericht.  

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