Abends festigt sich noch mein Gedanke, dass ich von hier aus durch die Wüste nach Yazd fahren werde. 1400 km bis Mashad ist einfach zuviel, vor allem habe ich dann noch nichts angeschaut. Also fülle ich am nächsten Morgen meinen Wasservorrat auf 10 Liter auf und radle los. Es ist noch angenehm kühl und auf der Straße ist schon einiges los, auch auf der in die Wüste. Na also, kann mir da schon nicht viel passieren. Es geht auch immer leicht bergab und so brause ich mit 20 km/h dahin - Rückenwind inbegriffen. Ich weiß zwar, dass da noch einige Steigungen und Pässe kommen, aber derweilen ist es mal wirklich ein tolles Radfahren.
Nach 25 km hält mich die Polizei an einem Militärlager auf, aber diesmal ist nichts mit Plaudern. Diesmal wollen sie tatsächlich meinen Ausweis sehen. Es wird diskutiert und schließlich ruft der Diensthabende jemanden an, ich bekomme das Handy in die Hand gedrückt. Am Apparat ist ein sehr gut englisch sprechender Mann, der mir erklärt, dass ich diese Strecke nicht fahren kann, sondern über Semnan und Qom nach Yazd fahren muss. Ich soll nach Damghan zurückfahren und mich dort bei der Polizei melden. Was? 25 km wieder zurück, spinnt der? Ich frage ihn, was das Problem ist und er meint, die Strecke dürfe man nur mit einer Genehmigung der Regierung fahren. Und alle 500 Pkw, die mich bisher überholt haben, standen heute morgen auf dem Amt und haben sich diese Genehmigung geholt? Das glaubt er doch wohl selber nicht. Ich jammere ein bisschen rum, dass das schon ziemlich weit ist und wie soll ich dann überhaupt zum Ateshooni Guesthouse kommen, wenn ich diese Straße nicht fahren darf? Aber er sagt einfach nur "you need to change roads".
Ich hätte gerne meinen Pass zurück, aber den hat jetzt der Diensthabende und der ist verschwunden. Ohne Pass radle ich bestimmt nicht nach Damghan zurück. Ich setze mich also in den Schatten und harre der Dinge. Nach ca. 30 Minuten kommt ein anderer Polizist, der mir zwei Formulare in die Hand drückt, die ich doch bitte ausfüllen soll. Tee habe ich auch noch keinen bekommen, was für Stoffel! Also fülle ich die Formulare aus und habe noch die Hoffnung, dass die mir hier vielleicht diese Sondergenehmigung ausstellen und ich doch weiterradeln darf. Weit gefehlt, mir wird wieder das Telefon in die Hand gedrückt und der Mensch von eben ist dran. Wie es mir gehen würde? Was für eine Frage! Passt schon, bin halt nicht begeistert wieder nach Damghan zu müssen. Ich müsse auch gar nicht radeln, das Rad würde auf das Polizeiauto geladen und die würden mich nach Damghan zurückbringen. Na wunderbar, dann spare ich mir das schon. Schon kommt der Polizeipick-up und 2 Armee-Futzis hieven das Rad rauf. Ich rühre keinen Finger, die schnaufen ganz schön bei dem Gewicht. Ich also in das Polizeiauto rein. Schon 3x wurde ich gefragt, ob auch meine Kamera aus ist. Ja, klar doch, was haben die denn die ganze Zeit? Hier ist doch überhaupt nichts zu sehen.
Also geht es mit dem Polizeiauto zurück nach Damghan. So ein Scheiß! Wir haben fast Mittag und es ist schon wieder super heiß. Wie soll ich denn da heute noch nach Semnan kommen? Bei der Polizei in Damghan angekommen, denke ich mir, jetzt kriege ich meinen Pass zurück und darf endlich los. Aber nein, ich muss mein Rad in das Polizeigebäude reinschieben und warten bis ein anderer Typ der Sorte "äußerst unangenehmer Zeitgenosse" erscheint, der mich in sein Büro bittet. Immer mit dabei eine Frau, damit ich wohl nicht sage, der hätte mir was angetan.
Jetzt geht's erst richtig los. Immerhin bekomme ich schon mal einen Tee, auf den habe ich aber nach der ersten Fragerunde schon keinen Bock mehr. Es hätte nur noch gefehlt, dass er mir eine Lampe ins Gesicht hält. Ich muss nochmal die zwei beknackten Formulare, die ich vorhin am Militärcamp schon ausgefüllt habe und die groß und breit neben ihm liegen, ausfüllen. Eine geschlagene Stunde lang befragt er mich, ich muss minutiös meinen Aufenthalt in Iran darlegen. Weiß ich doch nicht mehr so genau, ob ich jetzt 4 oder 5 Tage in Teheran war. In welchem Hotel? Nein, kein Hotel, bei einem Bekannten. Woher ich den kennen würde? Über eine Freundin in München? Ist der verheiratet, hat der Kinder, was ist er von Beruf? Da ich das nicht weiß, sage ich einfach, er hat ein Café. Seine Telefonnummer etc. pp. Ob ich mit Leuten nach Hause mitgegangen bin? Nein. Wo ich immer geschlafen hätte? Zum Glück war ich doch ein paar Mal im Hotel und so kommt er gar nicht drauf, dass ich auch ein paar Nächte im Zelt oder bei den Imkern geschlafen haben könnte. Was ich vom Iran halte? Natürlich alles super (bis auf ihn, denke ich mir).
Dann will er noch meine Fotos auf der Kamera sehen. Bei jedem zweiten Bild fragt er, wo das war. Dann fragt er auf einmal, ob ich in dem Ort "Katari" oder so ähnlich war. Nein, keine Ahnung, sagt mir nichts. Da hält er mir die Kamera hin. Da habe ich an einem Ortsausgang einen Kreisels fotografiert, weil der in der Mitte so eine coole Schnabelkanne hatte. Tja, dann war ich wohl doch in Katari - ich lese auch nicht jedes Ortsschild - scheinbar ist da auch wieder irgendwas so Geheimes, dass es sich lohnt, Anja Merk 008 aus Deutschland mit dem Rad herzuschicken. Obwohl, das wäre schon ne geile Tarnung, oder? Dann kommt er zu den Fotos mit den Imkern. Wo ich die getroffen hätte? Wie, ich hätte dort im Zelt übernachtet? Zum Glück habe ich noch ein Foto im Smartphone, wo auch dessen Frau drauf ist. Ach ja, die Fotos im Smartphone will er jetzt auch noch sehen. Mann, bin ich froh, dass ich die Weinherstellung bei Sasan auf einer anderen Speicherkarte habe.
Ob ich ein Laptop hätte? Nein, aber ein iPad. Das will er jetzt auch noch sehen. Ist aber eh nichts drauf, nur ein paar der Fotos von der Kamera, die ich rübergespielt habe. Zum Glück ist es mir nie gelungen, den VPN-Client runterzuladen. Auch die GoPro-Halterung am Rad sieht er nicht, sonst hätte er sich die Filme bestimmt auch noch anschauen wollen. Da ist zwar nichts Spannendes drauf, aber genervt hätte mich das schon.
Irgendwann kommt dann sein Vorgesetzter rein und will unbedingt noch die Fotos von Damghan sehen. Er sagt dann dem Unangenehmen, dass das nur Touristenfotos sind und alles wäre o.k. Na, da bin ich jetzt echt erleichtert, dass ich scheinbar keine Spionage betrieben habe. Keine Ahnung, was man da in der Wüste hätte sehen können. Vielleicht machen die da ein paar Atomtests. Ich erlaube mich dann doch noch zu fragen, was es für ein Problem mit der Straße gibt. Ausländer dürften die nicht befahren, ist die Antwort. Außerdem frage ich ihn, weil´s jetzt eh schon Wurscht ist, wie ich dann seiner Meinung nach zum Ateshooni Guesthouse kommen soll. Von Yazd aus nach Norden dürfte man die Straße fahren. Wenn sie nicht wollen, dass da Ausländer langfahren, dann sollten sie vielleicht irgendwo ein Schild anbringen, das man auch lesen kann. Das wiederum habe ich mir nur gedacht.
Plötzlich werden alle super freundlich, der Chef bringt noch seinen Sohn rein und erzählt mir, was der studiert. Hab´s schon wieder vergessen, weil mich das gerade einen Scheiß interessiert hat. Dann werde ich noch x-Mal mit meinem Rad abgelichtet und alle wünschen mir eine gute Reise. Na toll! Ich rolle also mein Rad vom Polizeigelände und starte um 13 Uhr nach Semnan, das noch 105 km entfernt ist. Das schaffe ich ja nie im Leben.
Eine super ätzende Strecke erwartet mich, Highway-ähnlich mit zum Glück einem Standstreifen, auf dem ich fahren kann. Es ist sauheiß und jeder 2 LKW bläst mir seine Abgaswolken ins Gesicht oder hupt direkt neben meinem Ohr. Grade nerven mich hier alle - lasst mich heute bloß in Ruhe! Die Armen, können ja auch nichts dafür, dass sie so eine beschissene Regierung haben.
Eine super ätzende Strecke erwartet mich, Highway-ähnlich mit zum Glück einem Standstreifen, auf dem ich fahren kann. Es ist sauheiß und jeder 2 LKW bläst mir seine Abgaswolken ins Gesicht oder hupt direkt neben meinem Ohr. Grade nerven mich hier alle - lasst mich heute bloß in Ruhe! Die Armen, können ja auch nichts dafür, dass sie so eine beschissene Regierung haben.
Als es dunkel wird, suche ich mir direkt neben dem Highway einen sichtgeschützten Platz hinter ein paar Erdhügeln. Ruhig ist zwar was anderes, aber was solls.
Am nächsten Morgen dann schon wieder keine Luft mehr in der Isomatte. Was ist das denn für eine Fehlkonstruktion? Unten am Fußende wirft sie schon eine fette Blase. Kauft euch bloß keine Neo Air. Wunderbar, ob die 3 Monate durchhält. Werde Martin bitten, mir meine andere, langjährig bewährte Matte mitzubringen. Die ist zwar etwas schwerer und unhandlicher, aber die hält wenigstens was aus. Ich mache mir noch mit meinem super tollen Multifuel-Kocher einen Tee. Dazu gibt es Fladenbrot und den leckeren Honig von den Imkern. Dann strample ich weiter, Semnan entgegen. Unterwegs treffe ich auf einen Bus am Straßenrand, der kaputt gegangen ist. Zwei Männer sitzen auf ihrer Decke und rufen mir zu, ich soll unbedingt herkommen und mit ihnen plaudern. Leider haben sie keinen Tee mehr und entschuldigen sich hundert Mal dafür. Dafür kriege ich leckere Kekse und ein Glas kühles Wasser. Sie können es nicht glauben, dass ich alleine mit dem Rad hier hochgestrampelt bin. Damghan liegt nämlich auf 1300 Metern und ich bin jetzt kurz vor dem Downhill nach Semnan auf 2000 Metern. Das ganze zwar auf 100 km verteilt, aber es ging doch stetig bergauf und jetzt nochmal etwas steiler. Sie schenken mir dann die ganze Kekspackung, der eine will unbedingt eine Runde auf meinem Rad drehen, fast wäre er noch dabei gestürzt. Ich glaube, er hat nicht damit gerechnet, dass es soooo schwer ist :-)
Wenig später beim Downhill überhole ich einen Schwerlaster. Der Fahrer reicht mir aus seinem Führerhaus eine Flasche mit gefrorenem Wasser. Das ist immer das absolute Genialste, wenn ich das kriege, super toll und ich würde es mir jedes Mal gerne über den Kopf schütten. Für ein Foto muss aber auf jeden Fall noch Zeit sein und wir fahren beide an den Straßenrand. Später, als es wieder eben wird, überholt er mich natürlich wieder. So habe ich auf dieser super-ätzende Strecke doch noch zwei wirklich nette Begegnungen gehabt.
Mittags komme ich in Semnan an, es ist brütend heiß und ich checke ins Tourism Guest House ein, lt. meinem Buch eine 2er Kategorie Hotel mit einfachen Zimmern. Häh, das ist voll der Luxus hier, mit West-Clo, Handtüchern, Clopapier (gut, nicht gerade das softe und 15lagige, sondern eher die Marke Recycling mit Holzspänen, aber immerhin Clopapier), Klimaanlage, Fernseher, Minibar (also ohne Alk natürlich) und sogar einen Fön gibt es. Kostet fast 50€ die Nacht. Das letzte Hotel, in dem ich war hat 12€ gekostet und war auch eine 2er Kategorie. Also ich muss unbedingt an den Verlag schreiben, dass die mal ihre Fehler in dem Buch bereinigen.
So nun sitze ich hier in meinem kühlen Zimmer und würde hier wirklich gerne bis zum Abendessen bleiben (bin gespannt, ob das im Preis inbegriffen ist), aber ich muss noch zur Bank Geld wechseln, sonst kann ich das Zimmer nicht mehr zahlen.
Morgen geht es weiter Richtung Qom, was ich sicherlich auch nicht an einem Tag schaffe, da 241 km. Werde dann wieder neben der Autobahn schlafen, leider ist nämlich die komplette Strecke bis Qom so ziemlich das ätzendste was Iran an Straßen zu bieten hat. Da war ja die Haraz-Road zumindest landschaftlich noch interessanter.
Liebe Grüße aus der "Luxussuite" von eurer 008-Agentin Anja :-)
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