Am nächsten Morgen dann noch mehr Schnee auf meinem Zelt und wenn ich da so hoch schaue, wird mir jetzt schon kalt. Allerdings habe ich mir den Wecker auf 5 Uhr gestellt und es sind mittlerweile einige Sterne über meinem Zelt. Also nochmal der Versuch, auf den Gipfel zu kommen. Ich schultere meinen Rucksack und gehe mit Stirnlampe los. Um kurz nach 6 Uhr wird es dann hell und am Damavand sind einige Wolken zu sehen. Super gut sieht es nicht aus, aber vor mir ist eine Gruppe und hinter mir sind die Österreicher mit noch ein paar Leuten. Also kann mir so schon nichts passieren. Bis zu dem gefrorenen Wasserfall auf 5000 Metern geht es eigentlich, abgesehen von einem eiskalten Wind, ganz gut. Meine Handschuhe sind nicht der Hit, aber wer hätte gedacht, dass ich hier in einem total eisigen Wind durch den Schnee stapfe.
Nach dem Wasserfall kommt man linkerhand an einem Eisfeld vorbei, das in den tollsten Formen vom Wind gestaltet wurde. Es sieht einfach unbeschreiblich aus, wie sich der Schnee hier zu spitzen Gebilden aufgetürmt hat. Wie mehrere Reihen eingeschneite Haifischzähne oder wie ein Eisbett für einen Riesenfakir sieht das Ganze aus. Sowas habe ich noch nie gesehen. Als sich die Wolken auflösen, scheint sogar die Sonne auf das Ganze und gibt auch den Blick ins Tal frei. Einfach wunderschön und ich kann nur hoffen, dass es noch vollends aufmacht und ich oben unter blauem Himmel stehe. Trotzdem ist es saumäßig kalt.
In Kehren geht es weiter bergauf und ich bin immer froh, wenn der Weg eine Rechtskurve macht, denn dann hat man den Wind von hinten und es ist nicht ganz so schlimm, dann wieder die Linkskurve und man hat den Wind direkt von vorne. Der weht einem dann auch noch die Eiskristalle ins Gesicht. Ich habe mittlerweile 4 Schichten Klamotten an, 2 Kapuzen drübergezogen und meinen Buff als Halstuch und das ziehe ich dann auch noch über Mund und Nase, dazu noch die Sonnenbrille, so sieht man von mir gar nichts mehr.
Hinter einem windgeschützten Felsen mache ich dann Pause und ein Typ, der ziemlich schnell unterwegs ist, gesellt sich dazu. Endlich ein windgeschütztes Eck gefunden. Er bietet mir was zu trinken an, ein Glück, denn das Wasser in meinem Wassersack ist schon gefroren. Außerdem bietet er mir noch ein paar Kekse an. Weiter geht es dann, er eilt voraus. Keine Ahnung, wie er so schnell gehen kann. Ich schleiche schon wie eine Schnecke bergauf. Ob ich jemals da oben ankomme
Oh Mann, das ist dermaßen kalt, mein bescheuertes Thermometer zeigt immer noch 10 Grad Plus an. So ein Quatsch! Als ich dann auf 5400 Metern angekommen bin, riecht man schon das erste Mal den Schwefel, der hier aus dem Boden kommt. Ich begegne jetzt noch einem anderen Bergsteiger, der sich hier wohl super auskennt, denn er zeigt mir dann den einfachsten Weg nach oben. Mittlerweile sind wir mitten in den Wolken, es hat mit dem Windchill-Faktor sicherlich -15 Grad und ich kann mir jetzt gar nicht mehr vorstellen, das bis oben zu schaffen. Am liebsten würde ich jetzt einfach umdrehen und wieder runtergehen. Aber der Typ, Arman heißt er, wie er mir später erzählt, meint, dass ich das schon schaffen werde. Es ist dermaßen anstrengend, das kann man sich nicht vorstellen. Es ist überhaupt nicht so wahnsinnig steil, aber bei jedem Schritt denkt man, man muss rasten, man bekommt einfach zu wenig Sauerstoff - unglaublich, es ist einfach nicht zu beschreiben, wie sich das anfühlt. Als wir dann fast oben sind, kommt aus einer Spalte Schwefelqualm raus und der, gepaart mit der dünnen Luft, gibt mir dann echt den Rest. Man hat das Gefühl, gleich zu ersticken. Jetzt sind es nur noch ein paar Meter bis zum Gipfel.
Und dann endlich geschafft, Wahnsinns-Feeling! IRRE! Toll, ich hab es tatsächlich geschafft, so ganz ohne großes Training, hier raufzukommen. Ich kann es gar nicht glauben.
Oben angekommen, scheint sogar die Sonne ab und zu durch die Wolkenfetzen, die hier mit einer affenartigen Geschwindigkeit über den Gipfel brausen. Es gibt hier nichts, woran man sehen könnte, dass das der Gipfel ist, kein Schild oder ähnliches, nur ein komisches, zerbeultes Blechgebilde im Boden. Könnte vielleicht ein Bergschuh sein?
Die Felsen sind voll mit vom Schwefel gelb gefärbten Eisblumen, das sieht dermaßen bizarr aus, als ob man auf einem fremden Planeten wäre. Arman macht dann ein paar Gipfelfotos von mir, sonst hätte ich auf die Österreicher warten müssen und die waren ziemlich weit hinter mir. Was mir persönlich natürlich runtergeht wie Öl, denn die sind vielleicht 25 Jahre alt :-)
Ich will dann nur noch wieder runter, denn ich friere trotz meiner 4 Schichten wie nochmal was. Wenn man aufsteigt, merkt man das nicht so, aber sobald man stehen bleibt, geht die Kälte einfach durch die Klamotten durch. Jetzt bin ich total froh, dass ich Arman getroffen habe. Er ist Guide und war schon x Mal hier auf dem Gipfel. Er sagt mir, dass wir besser zusammen runtergehen sollten, denn jetzt ist hier wieder dichter Nebel angesagt. Also machen wir uns gemeinsam auf den Rückweg. Verständigung geht hier nur mit 10 Wörtern englisch, Farsi und mit Händen und Füßen, aber das funktioniert sehr gut. Wir gehen den einfachsten Weg runter, nicht den, den ich hochgekommen bin
Es gibt drei Wege, einen zum Aufstieg, den anderen leichten, auf dem man im losen Geröll wie mit Skiern runterrutschen kann und einen dritten, der aber nur bei mehr Schnee zu empfehlen ist. Den kann man dann auf einer Plastiktüte oder auf dem Rucksack wie mit dem Schlitten runterdüsen. Der ist allerdings jetzt nicht machbar, weil zuviele Felsen aus dem Schnee rausschauen. Der Abstieg dauert dann ca. 3,5 Stunden, nach oben habe ich 6 Stunden gebraucht. Arman gebe ich meine e-Mail Adresse, er will mir die Fotos, die er mit seinem Handy gemacht hat, auch noch schicken. Dazu spricht er mich schon weit vor der Hütte an. Ich glaube, er will nicht, dass jemand sieht, dass er mit einer fremden Frau spricht. Er sagt mir dann nämlich, dass er jetzt hier abbiegt, weil sein Zelt weiter rechts von der Hütte steht. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber den Rest des Weges schaffe ich auch alleine. Ich bedanke mich bei ihm, dafür dass er mich mit runtergenommen hat.
Als erstes gehe ich in die Hütte, denn ich brauche gleich mal einen heißen Tee. Sofort als ich zur Tür reinkomme, drückt mir einer der Mulitreiber sein Handy in die Hand. Mahsoud wäre dran. Er will wissen, ob ich oben war und ob ich heute noch runterkomme. Ich bin eigentlich zu geschafft, um noch weitere 1200 Höhenmeter abzusteigen, geschweige denn auch noch vorher mein Zelt abzubauen. Ich sage ihm also, dass ich erst morgen wieder runterkomme und dann 2 Nächte in seinem Guesthouse bleibe. Mit meinem Tee setze mich zu einer Truppe Leute, weil sonst kein Platz frei ist. Es ist ein Ire, ein Schweizer und ein Portugiese, die über einen Bergguide die Tour auf den Damavand gebucht haben. Wir unterhalten uns super gut
Dann kommen noch zwei Jungs rein, die mich gleich wie eine alte Freundin begrüßen und mich beglückwünschen, dass ich den Gipfel geschafft habe. Ich schaue sie etwas fragend an und sie sagen mir, dass wir uns doch auf dem Gipfel getroffen haben. Stimmt, da kamen noch zwei total vermummte Gipfelstürmer, die Arman fotografiert hat, aber die hätte ich jetzt ohne Sonnenbrille, Mütze etc. einfach gar nicht mehr erkannt. Einer der beiden kann super englisch und er will mir das Foto vom Damavand schicken. Ich glaube, ich war da oben wirklich schon im Delirium, denn ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass er ein Foto von mir gemacht hat.
Mojtaba ist der Guide der 3, bei denen ich am Tisch sitze und alles Futter, was sich auf deren Tisch befindet, wäre auch mein Futter. Das finde ich ja super und schon wandern ein paar der Kekse und Datteln in meinen Mund. Später kommt noch eine Truppe deutscher Touristen (ca. 12 Leute) dazu. 2 der Frauen gesellen sich zu uns, als sie merken, dass hier noch eine Deutsche sitzt und es werden Fragen über den Damavand, wie lange, wie früh aufstehen, wie war das Wetter etc. gestellt und beantwortet
Danach muss ich mich erst mal ein paar Stunden hinlegen, bin total fertig. Mittlerweile sind auch die Österreicher wieder unten und die pfeifen aus dem letzten Loch, aber sie haben es auch geschafft.
Als ich dann um 19 Uhr wieder wach werde, hab ich ziemlich Hunger. Na ja kein Wunder, was hab ich heute auch schon groß gegessen? Ich gehe also rauf zur Hütte und rein in die Küche. Ob es wieder Suppe gibt? Nein, heute gibt es nichts. Die wollen mich Halbverhungernde wohl veräppeln. Auf dem Herd brutzelt ein großer Topf mit Nudeln für die deutsche Truppe und ein Riesen Topf mit Chicken Wings, Kartoffeln und Linsen in einer leckeren Soße für die anderen 3 Touristen. Na super! Aber da in den Regalen ja einiges an Dosen steht, frage ich, ob ich nicht Spaghetti mit Tomatensauce haben könnte. Ja, klar soll ich mir doch gerne selbst kochen. Na gut, dann also los. Im Endeffekt kocht es aber dann doch ein anderer aus der Küche. Außerdem gibt mir Mojtaba noch einen Hühnerflügel aus dem Topf für seine Truppe. Da wäre wahrscheinlich eh einiges übrig geblieben, aber was solls. Als ich dann mit meinem Essen zum Tisch komme, meint der Portugiese, das würde ihn jetzt viel mehr anmachen. Tja, Pech gehabt, das ist meins und das futtere ich auch bis zum letzten Fitzelchen zusammen. Mann, ich komme mir vor, als ob ich seit 3 Tagen nichts mehr gegessen hätte. Dazu ne Pepsi Coke und dann geht es mir wieder wirklich besser. Wir haben noch ein paar ganz unterhaltsame Geschichten über Reisen und was es sonst so besonders gefährliche, lustige und komische Dinge auf dieser Welt gibt. Um 20 Uhr bin ich aber dann doch ziemlich müde und verabschiede mich, nachdem ich den beiden Truppen noch viel Glück für ihren morgigen Aufstieg gewünscht habe.
Im Nachhinein muss ich schon sagen, dass ich wieder mal ziemlich viel Glück hatte und zwei Schutzengel noch dazu. Oben in der Suppe hätte das ganz blöd ausgehen können. Daher ist meine Meinung nun doch, dass man das Ganze mit einem Guide machen sollte. Wenn das Wetter wirklich wolkenlos ist, braucht man ihn nicht, da findet man den Weg alleine. Aber das weiß man natürlich vorher nicht und wenn da oben Wolken sind oder Nebel findet man erstens den Gipfel nicht alleine und zweitens kann man beim Abstieg auch leicht einen gefährlichen Weg wählen. Runter kommt man zwar allemal, aber besser ist es doch wenn man jemanden dabei hat. Ich war total froh, dass ich Arman auf dem Gipfel getroffen habe. Als Guide habe ich folgende Empfehlungen für euch: Mahsoud mit Guesthouse in Reineh, der Touren auf den Damavand organisiert, außerdem Skitouren in der Gegend, komplette Touren durch den Iran, eigentlich alles, was man bei ihm anfragt. Außerdem Mojtaba, der eine Rundumbetreuung mit Abholung ab Teheran, Essen, Trinken, Tour auf den Damavand organisiert. Bei Bedarf einfach bei mir die Kontaktdaten anfragen.
Liebe Grüße von der Ausgepowerte
Anja
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